Viele Menschen verwenden die Begriffe ADHS und ADD – beziehungsweise auf Deutsch ADS – wie zwei verschiedene Erkrankungen. Tatsächlich steckt dahinter eine begriffliche Entwicklung, die bis heute für Verwirrung sorgt. Während ADHS die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist, steht ADD im Englischen für Attention Deficit Disorder – auf Deutsch ADS für Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Der entscheidende Unterschied: die Hyperaktivität. Doch moderne Diagnosehandbücher betrachten beide nicht mehr als getrennte Störungen, sondern als unterschiedliche Ausprägungen desselben Störungsbildes.
Was bedeuten ADHS und ADD überhaupt?
Der Begriff ADD (Attention Deficit Disorder) stammt ursprünglich aus dem DSM-III, dem Diagnosehandbuch der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung aus dem Jahr 1980. Damals unterschied man zwischen einer Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität und einer ohne Hyperaktivität. Die Version ohne Hyperaktivität wurde als ADD bezeichnet.
Ab der DSM-IV-Revision (1994) wurde diese Trennung aufgegeben. Heute, im aktuell gültigen DSM-5, existiert ADD als eigenständige Kategorie nicht mehr. Stattdessen unterscheidet man drei Erscheinungsbilder innerhalb der ADHS:
- ADHS, vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild – das entspricht dem früheren ADD
- ADHS, vorwiegend hyperaktiv-impulsives Erscheinungsbild
- ADHS, kombiniertes Erscheinungsbild – das klassische Bild mit allen drei Kernsymptomen
Im deutschen Sprachgebrauch hält sich die Bezeichnung ADS (ohne Hyperaktivität) dennoch hartnäckig – sowohl im Alltag als auch in der Patientenkommunikation. Medizinisch korrekt ist in Deutschland seit Jahren der Oberbegriff ADHS, der alle Erscheinungsformen einschließt.
Die drei Kernsymptome im Vergleich
Unabhängig von der Bezeichnung dreht sich die Diagnose stets um dieselben drei Symptomcluster. Was sich zwischen ADS und ADHS unterscheidet, ist deren Gewichtung:
Unaufmerksamkeit – das gemeinsame Merkmal
Sowohl ADS als auch ADHS gehen mit erheblichen Aufmerksamkeitsproblemen einher. Betroffene haben Schwierigkeiten, sich längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren, verlieren schnell den Faden, vergessen Alltagsdinge und sind leicht ablenkbar. Dieser Symptomkomplex tritt bei beiden Erscheinungsbildern auf – und ist beim vorwiegend unaufmerksamen Typ (ADS) das dominierende Merkmal.
Hyperaktivität – das unterscheidende Merkmal
Bei klassischer ADHS kommt ausgeprägte motorische Unruhe hinzu: ständiges Zappeln, Schwierigkeiten ruhig zu sitzen, übermäßiges Reden, innere Getriebenheit. Bei der ADS (ADHS, vorwiegend unaufmerksam) fehlt diese sichtbare Überaktivität weitgehend. Das macht die Diagnose schwieriger, weil die Betroffenen nach außen hin ruhig wirken – und ihre Schwierigkeiten deshalb oft als Faulheit oder mangelndes Interesse fehlgedeutet werden.
Impulsivität
Impulsives Verhalten – vorschnelle Entscheidungen, Unterbrechungen im Gespräch, schlechte Impulskontrolle – ist hauptsächlich mit dem hyperaktiv-impulsiven und dem kombinierten Typ verbunden. Bei der ADS tritt Impulsivität weniger prominent auf, kann aber durchaus vorhanden sein.
Warum wird ADS so oft spät erkannt?
ADS – also ADHS ohne Hyperaktivität – betrifft häufiger Mädchen und Frauen als der hyperaktive Typ. Das liegt unter anderem daran, dass das typische Bild des unruhigen, störenden Kindes im Unterricht der Wahrnehmung einer ADHS entspricht, die Gesellschaft verinnerlicht hat. Stille, träumerische Kinder, die im Unterricht abschweifen, aber nicht auffallen, werden seltener vorgestellt und untersucht.
Studien zeigen, dass Mädchen mit ADS im Durchschnitt mehrere Jahre später diagnostiziert werden als Jungen mit dem hyperaktiven Typ. Viele Erwachsene erhalten die Diagnose erst im dritten oder vierten Lebensjahrzehnt – häufig nachdem sie jahrelang mit den Folgen gelebt haben: Erschöpfung, geringes Selbstwertgefühl, Schwierigkeiten in Beruf und Beziehungen.
Klassifikation: ICD-10, DSM-5 und die kommende ICD-11
In Deutschland ist aktuell (Stand 2026) noch die ICD-10 das maßgebliche Klassifikationssystem für die ärztliche Abrechnung. In der ICD-10 wird die Störung unter dem Begriff Hyperkinetische Störung geführt. Eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität (ADS) ist dort unter dem Code F98.8 erfasst – eine vergleichsweise unspezifische Einordnung.
Das international einflussreichere DSM-5 der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung kennt hingegen die drei oben genannten Untertypen und hat den Begriff ADD/ADS als Einzeldiagnose abgelöst. Kliniker in Deutschland orientieren sich in der Praxis häufig an beiden Systemen.
Die ICD-11 ist seit dem 1. Januar 2022 offiziell gültig, wird in Deutschland aber noch nicht vollständig angewendet, da die Übersetzung und die Systemumstellung noch nicht abgeschlossen sind. Wichtig: Die ICD-11 übernimmt die Struktur des DSM-5 und führt ADHS in drei Subtypen (Code 6A05.0 bis 6A05.2). Der Begriff hyperkinetische Störung entfällt. Damit wird die ADS-Problematik künftig klarer als ADHS, vorwiegend unaufmerksam abgebildet.
Ursachen und neurobiologischer Hintergrund
Beide Erscheinungsformen – ob mit oder ohne Hyperaktivität – haben dieselben neurobiologischen Wurzeln. Es handelt sich um eine Störung der Reizverarbeitung und Selbstregulation, die auf genetische Faktoren sowie Veränderungen in dopaminergen und noradrenergen Regelkreisen des Gehirns zurückgeführt wird. Bildgebungsstudien zeigen funktionelle und strukturelle Besonderheiten im präfrontalen Kortex, im Striatum und im Cerebellum – unabhängig davon, ob der Hyperaktivitätsanteil ausgeprägt ist oder nicht.
Die Erblichkeit liegt bei geschätzten 70–80 %, was ADHS zu einer der am stärksten genetisch beeinflussten psychischen Störungen macht.
Behandlung: Gibt es Unterschiede?
Die Behandlungsansätze für ADS und ADHS sind im Wesentlichen identisch. Zu den anerkannten Methoden zählen:
- Medikamentöse Therapie: Stimulanzien wie Methylphenidat (z. B. Ritalin, Medikinet) oder Amphetaminpräparate sowie das Nicht-Stimulans Atomoxetin sind für beide Erscheinungsformen wirksam und zugelassen.
- Verhaltenstherapie: Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist eine kognitive Verhaltenstherapie wirksam, um Kompensationsstrategien und Selbstorganisation zu verbessern.
- Psychoedukation und Coaching: Für Erwachsene hat sich ADHS-Coaching als ergänzende Maßnahme etabliert, um den Alltag strukturierter zu gestalten.
- Multimodaler Ansatz: Leitliniengerecht gilt stets die Kombination aus verschiedenen Maßnahmen als Goldstandard.
Manche Kliniker berichten, dass Betroffene mit vorwiegend unaufmerksamem Typ (ADS) auf niedrigere Stimulanziendosen ansprechen – systematisch belegt ist dies jedoch nicht eindeutig.
Häufig gestellte Fragen
Ist ADD dasselbe wie ADS?
Ja. ADD ist die englische Bezeichnung (Attention Deficit Disorder), ADS die deutsche (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Beide meinen dieselbe Erscheinungsform: eine Aufmerksamkeitsstörung ohne ausgeprägte Hyperaktivität. Im heutigen Diagnosesystem DSM-5 heißt diese Variante offiziell „ADHS, vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild“.
Kann man ADHS haben, ohne hyperaktiv zu sein?
Ja. Beim vorwiegend unaufmerksamen Typ (ehemals ADS/ADD) steht Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit und innere Zerstreutheit im Vordergrund. Motorische Unruhe fehlt oder ist gering ausgeprägt. Diese Form wird besonders bei Mädchen und Frauen oft erst spät erkannt.
Warum gibt es den Begriff ADD heute kaum noch in der Medizin?
Weil aktuelle Diagnosehandbücher (DSM-5 ab 1994, ICD-11 ab 2022) ADD und ADHS nicht als zwei verschiedene Störungen, sondern als Ausprägungen derselben Störung behandeln. ADD als eigenständige Diagnose wurde aufgegeben zugunsten des Begriffs „ADHS mit vorwiegend unaufmerksamem Erscheinungsbild“.
Welches Klassifikationssystem gilt 2026 in Deutschland?
Stand 2026 ist in Deutschland noch die ICD-10 das maßgebliche Abrechnungssystem. Die ICD-11 gilt international seit 2022, wird in Deutschland aber noch nicht vollständig eingesetzt, da Übersetzung und IT-Infrastruktur noch nicht abgeschlossen sind. In der klinischen Praxis orientieren sich Ärzte häufig ergänzend am DSM-5.
Sind die Behandlungen für ADS und ADHS unterschiedlich?
Im Wesentlichen nein. Sowohl Stimulanzien (Methylphenidat, Amphetamine) als auch Verhaltenstherapie und Coaching sind für beide Erscheinungsformen wirksam. Der Behandlungsplan wird individuell abgestimmt, orientiert sich aber an denselben Leitlinien.
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Sources:
– [ADHS-Klassifikation nach ICD-10, DSM-5 und ICD-11 – ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau](https://www.adhs-autismus-adressen.de/blog/news/830-adhs-klassifikation-nach-icd-10-dsm-5-und-icd-11-formen-entwicklung-und-zukunft/)
– [Die wichtigsten Unterschiede von ADHS und ADS – Praxis für Psychotherapie](https://www.xn--praxis-fr-psychotherapie-2sc.com/die-wichtigsten-unterschiede-von-adhs-und-ads/)
– [ADS und ADHS: Symptome, Diagnose und Behandlung – sozial-karriere.de](https://www.sozial-karriere.de/magazin/ads-und-adhs/)
– [ADHS – Symptome, Formen, Ursachen, Diagnose – betanet](https://www.betanet.de/adhs-ursachen-und-diagnose.html)
– [Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – Wikipedia](https://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivit%C3%A4tsst%C3%B6rung)
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