Am Sonntagabend, 3. Mai 2026, war Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu Gast bei Caren Miosga im Ersten. Unter dem Titel „Ein Jahr Kanzler – wie schwer ist Regieren, Herr Merz?“ zog der Regierungschef rund zwölf Monate nach seinem Amtsantritt eine erste Bilanz. Themen waren die schwarz-rote Koalition, Migration, der Umgang mit der AfD, die schwächelnde Wirtschaft und das angespannte Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump.
Worum es ging
Die Sendung lief um 21:45 Uhr live im Ersten und dauerte rund 45 Minuten. Caren Miosga empfing Merz zu einem Einzelgespräch im Studio, ohne weitere Talkgäste. Anlass war der erste Jahrestag der schwarz-roten Bundesregierung unter Führung der Union. Merz war am 6. Mai 2025 zum Bundeskanzler gewählt worden, die Koalition aus CDU, CSU und SPD steht damit zwölf Monate im Amt.
Die Ausgangslage für das Gespräch war angespannt. Eine Gesundheitsreform hatte das Kabinett kurz zuvor auf den Weg gebracht, weitere große Reformprojekte bei Rente, Steuern und Sozialstaat ließen jedoch auf sich warten. Die Umfragewerte des Kanzlers waren zu diesem Zeitpunkt deutlich gesunken, die Wirtschaft forderte spürbare Entlastungen und strukturelle Reformen. Hinzu kamen außenpolitische Belastungen, darunter der Krieg im Iran und die zunehmend unberechenbare Politik der Trump-Regierung.
Miosga fragte den Kanzler unter anderem, welchen Rat er sich selbst rückblickend vor einem Jahr gegeben hätte. Merz antwortete knapp: „Bleibe geduldig.“ Diese Bemerkung zog sich als roter Faden durch das Gespräch, in dem der Kanzler immer wieder darauf verwies, dass strukturelle Reformen Zeit bräuchten.
Wichtigste Aussagen von Friedrich Merz
Merz formulierte mehrere klare Botschaften, die in den Tagen nach der Sendung in nahezu allen großen Medien zitiert wurden. Bemerkenswert war, dass der Kanzler deutlich konfrontativer auftrat als in früheren Interviews dieser Legislaturperiode.
Zur Rolle des Koalitionspartners SPD sagte Merz: „Die SPD kann nicht machen, was sie will.“ Und an anderer Stelle: „Ich erwarte von der SPD die gleiche Kompromissbereitschaft, wie wir sie zeigen.“ Mit Blick auf seine eigene Partei warnte er: „Unterschätzt die Stimmung in der Union nicht. Die wird unfreundlicher.“
Auf die Frage, ob er ein anderes politisches Bündnis suche, antwortete der Kanzler: „Ich suche keine andere Mehrheit. Das sollte die SPD aber nicht zu dem Gedanken verleiten, sie könnte mit uns machen, was sie will.“ Dazu ergänzte er: „Ich habe keine Vollmacht, die CDU umzubringen“ – ein Satz, mit dem er deutlich machte, dass die Union einen sichtbaren Anteil am Regierungshandeln behalten müsse.
Persönlich wirkte Merz an einer Stelle geradezu trotzig. Auf die Frage, warum er sich nicht stärker auf einen weicheren Ton einlasse, sagte er: „Ich möchte nicht rund wie ein Kieselstein reden und werden.“ Damit signalisierte er, dass er auch nach einem Jahr im Amt nicht zum klassischen Kanzlertypus früherer Jahre werden wolle.
Migration und der Umgang mit der AfD
Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag auf Migrationspolitik und dem Umgang mit der AfD. Merz verteidigte die Verschärfungen der schwarz-roten Koalition bei Asyl- und Aufenthaltsrecht. Die Zurückweisungen an den Binnengrenzen, die Streichung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte und die schnelleren Abschiebeverfahren bezeichnete er als notwendige Schritte.
Zugleich grenzte er sich erneut klar von der AfD ab. Eine Zusammenarbeit mit der Partei schloss Merz erneut kategorisch aus, ebenso die Tolerierung einer Minderheitsregierung durch die AfD in einem der ostdeutschen Länder. Die Sorge in der Union sei groß, dass die AfD bei den Landtagswahlen 2027 weiter zulege, sagte der Kanzler. Die richtige Antwort sei aus seiner Sicht eine Politik, die Probleme tatsächlich löse, statt symbolische Abgrenzung.
Miosga konfrontierte Merz mit der Kritik, dass die Koalition die Brandmauer zur AfD bereits in der Vergangenheit durchlässig gemacht habe. Der Kanzler verwies darauf, dass demokratische Parteien sich in Sachfragen nicht von der AfD abhängig machen dürften, aber auch nicht jede Initiative blockieren sollten, weil die AfD zustimme. Mit Blick auf die ostdeutschen Landtagswahlen 2027 sagte Merz, die Halbierung der AfD bleibe ein politisches Ziel der Union; erreichen lasse es sich aber nur durch konsequente Sachpolitik, nicht durch reine Abgrenzung.
Auch zur europäischen Asylreform äußerte sich der Kanzler. Die im vergangenen Jahr beschlossene Umsetzung des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) müsse in Deutschland zügig erfolgen. Die Bundesregierung arbeite mit Frankreich, Italien und Polen daran, die Außengrenzen besser zu schützen und Asylverfahren bereits an den EU-Außengrenzen abzuwickeln.
Wirtschaft und Reformstau
Beim Thema Wirtschaft räumte Merz ein, dass die Lage angespannt sei. Die deutsche Industrie kämpft mit hohen Energiekosten, Fachkräftemangel und Bürokratie. Höhere Einkommensteuern lehnte der Kanzler im Gespräch mit Miosga ausdrücklich ab. Die Belastung von Fach- und Führungskräften sowie von kleinen und mittleren Unternehmen sei bereits zu hoch. Über weitere Steuererhöhungen werde er mit der SPD nicht verhandeln.
Stattdessen kündigte Merz an, den Investitionsturbo, den die Koalition Ende 2025 verabschiedet hatte, konsequent umzusetzen. Bei der Rentenreform warb er für mehr Geduld: Eine Anhebung des Renteneintrittsalters über die geltenden Regeln hinaus stehe nicht zur Debatte, doch Anreize für längeres Arbeiten sollten ausgebaut werden. Die zuletzt von 21 Prozent gemessenen Zustimmungswerte der Bundesregierung erklärte Merz mit der Tatsache, dass die Koalition ihre Politik bisher nicht überzeugend genug erkläre.
Auf konkrete Branchen angesprochen, betonte Merz die Bedeutung der Automobilindustrie. Die Unternehmen müssten Planungssicherheit beim Verbrennungsmotor und bei den Ladeinfrastruktur-Förderungen erhalten. Beim Thema Energiepreise verwies der Kanzler auf den vereinbarten Industriestrompreis und kündigte eine Bewertung der Wirkung im Herbst 2026 an. Die Reform des Bürgergeldes, die in der Koalition seit Monaten umstritten ist, soll laut Merz noch im laufenden Jahr abgeschlossen werden – mit stärkeren Mitwirkungspflichten für Empfängerinnen und Empfänger und schärferen Sanktionen bei wiederholter Verweigerung.
Trump und die transatlantischen Beziehungen
Außenpolitisch dominierte das Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump das Interview. Merz erklärte: „Ich gebe die Zusammenarbeit mit Donald Trump nicht auf.“ Die transatlantische Beziehung bleibe für Deutschland zentral, auch wenn sie gerade schwierig sei.
Zugleich machte der Kanzler deutlich, dass Berlin Mitsprache erwarte. Trump habe er gesagt: „Wenn du willst, dass wir dir bei einem solchen Konflikt helfen, dann ruf uns vorher an.“ Hintergrund war der jüngste Iran-Krieg, in den die USA militärisch eingegriffen hatten, ohne sich vorab eng mit den europäischen Partnern abzustimmen.
Den angekündigten Abzug von rund 5.000 US-Soldaten aus Deutschland bewertete Merz vergleichsweise gelassen. Die Truppen seien unter Präsident Joe Biden ohnehin nur befristet stationiert worden, die Lage sei daher „vielleicht etwas dramatisiert“ worden. Den nuklearen Schutzschirm der USA über Deutschland nannte er hingegen „nicht verhandelbar“. Bei den verzögerten Lieferungen US-amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper sagte Merz: „Der Zug ist nicht abgefahren.“ Die Bundesregierung verhandele weiter.
Reaktionen aus Politik und Medien
Die Aussagen des Kanzlers lösten unmittelbar Reaktionen aus. Aus der SPD wurde Merz vorgeworfen, das Klima in der Koalition unnötig anzuheizen. Generalsekretär und Fraktionsspitze betonten, die Sozialdemokraten würden ihre Positionen bei Rente und Steuern nicht aufgeben. Der SPD-Vorsitz verwies darauf, dass der Koalitionsvertrag Vorrang vor öffentlicher Drohkulisse habe. CDU-Politiker stützten den Kanzler hingegen und werteten den deutlichen Ton als Signal an den Koalitionspartner. Aus der CSU hieß es, die Union habe in zentralen Fragen wie Migration und Wirtschaft genügend Kompromisse gemacht; nun sei die SPD in der Pflicht.
Politische Kommentatoren bewerteten den Auftritt unterschiedlich. Die Berliner Zeitung beschrieb ein Gespräch, in dem auch der Kanzler an einer Stelle über sich selbst lachen musste. Der Tagesspiegel ordnete die Ansage „Unterschätzt die Stimmung in der Union nicht“ als ungewöhnlich klare Drohgebärde gegenüber der SPD ein. Andere Medien, darunter t-online und die Stuttgarter Nachrichten, hoben die Trump-Passagen hervor. In sozialen Netzwerken kursierten vor allem die Sätze über den Kieselstein und die fehlende Vollmacht, die CDU „umzubringen“. Die Opposition reagierte zurückhaltend: Grüne und Linke kritisierten vor allem das Fehlen konkreter Klima- und Sozialpläne, während die FDP-Fraktion lobte, dass Merz Steuererhöhungen erneut absage.
Einordnung: Wo steht die Regierung Merz nach einem Jahr
Nach zwölf Monaten Amtszeit fällt die Bilanz der schwarz-roten Koalition gemischt aus. Auf der Habenseite stehen die Verschärfungen im Migrationsrecht, ein Investitionspaket für Verteidigung und Infrastruktur sowie die Ende April 2026 verabschiedete Gesundheitsreform. Auf der anderen Seite stehen Reformprojekte, die noch nicht umgesetzt sind: die Reform der Pflegeversicherung, die Modernisierung des Bürgergeldes, eine umfassende Unternehmensteuerreform und die Neuordnung des Renteneintrittsalters.
Wirtschaftlich ist die Lage 2026 angespannt. Die Bundesbank rechnet im laufenden Jahr nur mit einem Wachstum knapp über null Prozent. Die Industrie meldet weiter Produktionsrückgänge in zentralen Branchen wie Automobilbau und Chemie. Die Arbeitslosenzahlen sind im Frühjahr saisonbereinigt erstmals seit längerem leicht gestiegen. Vor diesem Hintergrund lastet auf der Koalition wachsender Erwartungsdruck, im zweiten Regierungsjahr stärker zu liefern.
Auch international steht Berlin vor neuen Aufgaben. Der Krieg in der Ukraine geht in das fünfte Jahr, die transatlantischen Beziehungen sind unter Trump volatiler geworden, und die Beziehungen zu China bleiben in Wirtschafts- und Sicherheitsfragen schwierig. Merz‘ Auftritt bei Miosga lässt sich vor diesem Hintergrund als Versuch lesen, gleichzeitig nach innen Härte gegenüber dem Koalitionspartner zu zeigen und nach außen Verlässlichkeit zu signalisieren.
Wer ist Caren Miosga
Caren Miosga, geboren 1969 in Peine, ist eine deutsche Fernsehjournalistin und Moderatorin. Bekannt wurde sie als Moderatorin des ARD-Kulturmagazins „ttt – titel, thesen, temperamente“ und vor allem der Tagesthemen, die sie von 2007 bis 2023 präsentierte.
Seit Januar 2024 moderiert Miosga am Sonntagabend ihre eigene politische Talkshow im Ersten, die schlicht „Caren Miosga“ heißt. Sie übernahm den Sendeplatz von Anne Will. Die Sendung läuft im Wechsel mit „Maischberger“ und „hart aber fair“ und gilt als zentrales Format der politischen Diskussion im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Friedrich Merz war bereits zum dritten Mal in der Sendung zu Gast.
Häufig gestellte Fragen
Wann lief das Miosga-Interview mit Merz?
Die Sendung „Ein Jahr Kanzler – wie schwer ist Regieren, Herr Merz?“ wurde am Sonntag, 3. Mai 2026, um 21:45 Uhr live in der ARD ausgestrahlt. Sie ist anschließend in der ARD-Mediathek abrufbar.
Was sagte Merz zu Donald Trump?
Merz erklärte, er gebe die Zusammenarbeit mit Trump nicht auf, forderte jedoch frühzeitige Konsultation: „Wenn du willst, dass wir dir bei einem solchen Konflikt helfen, dann ruf uns vorher an.“ Den nuklearen Schutzschirm der USA bezeichnete er als nicht verhandelbar.
Wie positioniert sich Merz zur AfD?
Der Kanzler schloss eine Zusammenarbeit mit der AfD erneut aus, ebenso die Tolerierung einer Minderheitsregierung durch sie. Sachpolitisch wolle die Union die Themen der AfD durch konkrete Lösungen entkräften, etwa in der Migrationspolitik.
Welches Verhältnis hat Merz zur SPD?
Im Interview erhöhte Merz den Druck auf den Koalitionspartner. Er warnte die SPD davor, in der Koalition zu glauben, sie könne machen, was sie wolle. Höhere Einkommensteuern schloss er erneut aus.
Wie sind die aktuellen Umfragewerte für Merz?
Zum Zeitpunkt des Interviews lag die Zufriedenheit mit der schwarz-roten Bundesregierung in mehreren Umfragen bei nur rund 21 Prozent. Auch Merz‘ persönliche Werte waren im Vergleich zum Amtsantritt deutlich gesunken.
Welche Reformen stehen 2026 noch an?
Nach der Gesundheitsreform plant die Koalition Reformschritte bei Rente, Steuern, Sozialstaat und Bürokratieabbau. Konkrete Gesetzentwürfe für mehrere dieser Felder werden im Sommer und Herbst 2026 erwartet.
Wer moderiert die Sendung Caren Miosga?
Caren Miosga, ehemalige Tagesthemen-Moderatorin, präsentiert seit Januar 2024 die nach ihr benannte politische Talkshow am Sonntagabend im Ersten. Sie folgte auf Anne Will.
Wo kann man die Sendung nachschauen?
Die komplette Ausgabe steht in der ARD-Mediathek zur Verfügung. Ausschnitte sowie eine offizielle Aufzeichnung sind zudem auf dem YouTube-Kanal der Sendung abrufbar.











