Georg Baselitz: Leben, Werk und die umgekehrten Bilder

Sophie Eldridge

Modernes Kunstmuseum mit großen abstrakten Gemälden
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Zuletzt aktualisiert: 30. April 2026

Georg Baselitz, geboren 1938 als Hans-Georg Kern, gehört zu den bedeutendsten deutschen Malern, Bildhauern und Grafikern der Nachkriegszeit. Mit seinen berühmten umgedrehten Bildern hat er die Kunstwelt seit 1969 nachhaltig geprägt und wurde zum Symbol für eine Malerei, die sich konsequent gegen Konventionen stellt. Am 30. April 2026 ist Baselitz im Alter von 88 Jahren gestorben, und seine letzte große Ausstellung im Museum der Moderne Salzburg sowie die Schau „Heroes of Gold“ in Venedig erinnern in diesem Jahr an sein außergewöhnliches Lebenswerk.

Wer ist Georg Baselitz?

Georg Baselitz war ein deutsch-österreichischer Maler, Bildhauer und Grafiker, der vor allem durch seine ab 1969 kopfüber gemalten Figuren weltberühmt wurde. Geboren am 23. Januar 1938 in Deutschbaselitz in der sächsischen Oberlausitz, wuchs er als Hans-Georg Kern in einer vom Krieg geprägten Region auf. Den Künstlernamen Baselitz nahm er 1961 als Hommage an seinen Geburtsort an.

Baselitz gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Neoexpressionismus und als geistiger Vater einer ganzen Generation deutscher Maler, darunter die sogenannten Junge Wilde der 1980er Jahre. Sein Werk umfasst expressive Figurenbilder, monumentale Skulpturen aus rohem Holz, Druckgrafik und große Zyklen, in denen er sich immer wieder mit deutscher Geschichte, Identität und der eigenen Biografie auseinandersetzt. Bis zu seinem Tod lebte er gemeinsam mit seiner Frau Elke Kretzschmar am Ammersee in Bayern und im Salzburger Land, wo er seit 2013 seinen Hauptwohnsitz hatte.

Leben und Ausbildung

Hans-Georg Kern wuchs als Sohn eines Volksschullehrers in der Lehrerwohnung der Schule von Deutschbaselitz auf. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, die Zerstörung sächsischer Städte und der Anblick gefallener Soldaten prägten ihn früh. Diese Bilder von Trümmern, Verletzlichkeit und Heldenmythen sollten später in zentralen Werkserien wiederkehren.

1956 begann Baselitz ein Studium an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ost-Berlin, wurde jedoch bereits nach zwei Semestern wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ exmatrikuliert. Er wechselte 1957 an die Hochschule der Künste in West-Berlin und studierte dort bei Hann Trier, dessen Meisterklasse er 1961 besuchte und 1962 abschloss. Der Wechsel zwischen den beiden deutschen Staaten und die Erfahrung der Teilung blieben prägend für sein gesamtes Werk.

Gemeinsam mit dem Maler Eugen Schönebeck verfasste Baselitz 1961 und 1962 das erste und zweite Pandämonische Manifest. Diese provokativen Texte, in denen die jungen Künstler eine radikale, expressive und gegen den herrschenden Geschmack gerichtete Malerei einforderten, gelten als einer der wichtigsten Programmtexte der deutschen Nachkriegskunst.

Baselitz erhielt 1965 ein Stipendium der Villa Romana in Florenz, wo er sich intensiv mit dem italienischen Manierismus auseinandersetzte. Später lehrte er als Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1977-1983) und an der Hochschule der Künste in Berlin (1983-1988 sowie ab 1992). Mit seiner Frau Elke, die er 1962 heiratete, hatte er zwei Söhne und führte über sechs Jahrzehnte eine künstlerische und private Partnerschaft.

Die umgekehrten Figuren: Baselitz‘ Markenzeichen

1969 vollzog Baselitz den Schritt, der seinen Stil bis heute unverwechselbar macht: Er begann, seine Motive auf den Kopf zu stellen. Das erste Bild dieser Art, „Der Wald auf dem Kopf“, entstand nach einer Vorlage von Ferdinand von Rayskis Landschaftsstudie „Wermsdorfer Wald“. Was zunächst wie eine bloße Drehung wirkt, war in Wahrheit ein radikaler künstlerischer Eingriff.

Baselitz wollte das Bild von der „fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit“ befreien. Indem er das Motiv um 180 Grad drehte, zwang er den Betrachter, die Malerei selbst wahrzunehmen: die Pinselführung, die Farbe, den Bildaufbau, die Materialität. Das Was des Dargestellten tritt zurück, das Wie der Malerei rückt in den Vordergrund. Baselitz selbst sprach in diesem Zusammenhang vom „dritten Weg“ zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit.

Wichtig zu wissen: Baselitz drehte nicht das fertige Bild um, sondern malte das Motiv von Anfang an kopfüber auf die Leinwand. Das verlangt eine besondere räumliche Vorstellungskraft und eine konsequente Auseinandersetzung mit Komposition. Über mehr als fünf Jahrzehnte hat er an dieser Methode festgehalten, sie variiert und in immer neuen Werkphasen weiterentwickelt – bis hin zu den großformatigen Spätwerken, die er mithilfe eines Rollators schuf, der sichtbare Spuren auf der am Boden liegenden Leinwand hinterließ.

Bedeutendste Werke von Georg Baselitz

Das Werk von Baselitz lässt sich in mehrere große Phasen gliedern, von denen jede zentrale Schlüsselwerke hervorgebracht hat.

Frühwerk und Helden-Bilder

„Die große Nacht im Eimer“ (1962/63) zeigt einen onanierenden Knaben mit überdimensioniertem Phallus und gilt als eines seiner umstrittensten Gemälde. Aus der Florentiner Zeit stammt der Zyklus der „Helden“ oder „Neuen Typen“ (1965/66), zu dem auch „Die großen Freunde“ gehört. Diese Heldenfiguren zeigen verwundete, einsame Männer in zerschlissenen Uniformen – ein bewusster Gegenentwurf zu den Heldenmythen der deutschen Geschichte.

Frakturbilder und erste umgedrehte Werke

Ende der 1960er Jahre entwickelte Baselitz die sogenannten Frakturbilder, in denen er Motive in Streifen zerlegte und neu zusammensetzte. „Der Wald auf dem Kopf“ (1969) markiert dann den Beginn der berühmten umgedrehten Bilder. „Schlafzimmer“ (1975) ist ein weiteres Schlüsselwerk dieser Phase und zeigt den schlafenden Künstler neben seiner Frau in radikaler Vereinfachung.

Russenbilder und Remix-Phase

In den „Russenbildern“ der späten 1990er und frühen 2000er Jahre verarbeitete Baselitz Motive der sowjetischen Genremalerei aus seiner Kindheit in der DDR. Es folgte die Remix-Serie ab 2005, in der er eigene frühere Werke neu interpretierte – schneller gemalt, transparenter, oft mit veränderter Farbigkeit. Bilder wie „Mit roter Fahne“ stammen aus dieser produktiven Phase.

Spätwerk in Schwarz-Weiß

In den letzten Lebensjahren entstanden monumentale Gemälde in reduzierter Schwarz-Weiß-Palette, oft mit silbrigen oder goldenen Akzenten. Diese späten Selbstbildnisse, Paarbilder und Adler-Motive zeigen eine zunehmende Konzentration auf das Wesentliche und gelten als eindrucksvoller Schlusspunkt eines außergewöhnlichen Werks.

Skandale und Provokationen

Baselitz‘ Karriere war von Anfang an von Provokation begleitet. Bei seiner ersten Einzelausstellung 1963 in der Berliner Galerie Werner & Katz wurden „Die große Nacht im Eimer“ und „Der nackte Mann“ von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Es folgte ein langer Prozess wegen angeblich pornografischer Darstellung, der erst Jahre später mit einem Vergleich endete. Der Skandal machte den jungen Künstler über Nacht bekannt.

Auch in späteren Jahrzehnten sorgte Baselitz immer wieder für hitzige Debatten. Er kritisierte öffentlich den Kunstbetrieb, die Documenta, Frauen in der Malerei (eine Aussage, für die er heftig angegriffen wurde) und die zeitgenössische Kunstkritik. 2015 ließ er aus Protest gegen das deutsche Kulturgutschutzgesetz seine Leihgaben aus deutschen Museen zurückziehen. Diese kompromisslose Haltung hat ihm den Ruf eines „Wutkünstlers“ eingebracht, der bewusst abseits jedes Trends arbeitete.

Aktuelle Ausstellungen 2026 und sein Tod

Das Jahr 2026 sollte für Georg Baselitz das Jahr seines 88. Geburtstags und mehrerer großer Ausstellungen werden. Am 30. April 2026 ist der Künstler jedoch im Alter von 88 Jahren in seiner Wahlheimat Salzburg gestorben. Die für dieses Jahr geplanten Schauen werden so zu unfreiwilligen Hommagen an einen der bedeutendsten Maler der Nachkriegszeit.

Im Museum der Moderne Salzburg sind 2026 gleich zwei Ausstellungen Baselitz gewidmet. Auf dem Mönchsberg läuft vom 27. März bis 18. Oktober 2026 eine Schau, die seine kleinformatigen Zeichnungen mit den großformatigen Spätwerken kontrastiert – jenen Bildern, die er mithilfe eines Rollators auf am Boden liegenden Leinwänden gemalt hat. Im Rupertinum in der Salzburger Altstadt folgt vom 3. Juli bis 4. Oktober 2026 eine zweite Ausstellung, die sich auf die frühen grafischen Arbeiten der 1960er Jahre konzentriert und sich an seinen vier Manifesten dieser Zeit orientiert.

In Venedig zeigt die Fondazione Giorgio Cini seit dem 27. März 2026 die Ausstellung „Heroes of Gold“, die neue Werke des Künstlers vorstellt und einen Bogen zurück zu den frühen Helden-Bildern der 1960er Jahre schlägt. Wer sich für Baselitz‘ Werk interessiert, findet zudem in zahlreichen großen Sammlungen weltweit zentrale Gemälde, etwa im Städel Museum Frankfurt, im Haus der Kunst München, in der Fondation Beyeler bei Basel sowie im Museum of Modern Art in New York.

Marktwert und kunsthistorische Bedeutung

Georg Baselitz zählt zu den teuersten lebenden deutschen Malern auf dem internationalen Auktionsmarkt – ein Status, der auch nach seinem Tod fortbestehen dürfte. Sein bisheriger Auktionsrekord liegt bei „Dresdner Frauen – Besuch aus Prag“, das im Mai 2022 bei Sotheby’s für rund 11,24 Millionen US-Dollar versteigert wurde. „Mit roter Fahne“ erzielte im Dezember 2024 bei Sotheby’s in London 7,5 Millionen britische Pfund (etwa 8,6 Millionen Euro). Auch „Der Brückechor“ (1983) erreichte mit 7,4 Millionen Dollar einen Spitzenwert.

Während die musealen Hauptwerke im zweistelligen Millionenbereich liegen, bewegen sich Druckgrafiken und kleinere Arbeiten je nach Werkphase und Auflage zwischen wenigen Tausend und mehreren Hunderttausend Euro. Damit ist Baselitz ein Künstler, dessen Werk sowohl für institutionelle Sammler als auch für private Kunstliebhaber zugänglich bleibt.

Kunsthistorisch hat Baselitz die deutsche Malerei nach 1945 mitgeprägt wie kaum ein anderer. Gemeinsam mit Künstlern wie Anselm Kiefer, A. R. Penck, Markus Lüpertz und Jörg Immendorff stand er für eine selbstbewusste figurative Malerei, die sich gegen die dominante amerikanische Abstraktion behauptete. Sein Einfluss auf die Junge Wilde der 1980er Jahre – Maler wie Rainer Fetting, Salomé oder Helmut Middendorf – ist unbestritten. Baselitz hat gezeigt, dass figurative Malerei nach Auschwitz, nach dem abstrakten Expressionismus und nach der Pop Art möglich bleibt – und dass sie die wichtigsten Fragen der Zeit aufgreifen kann.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum malt Baselitz seine Bilder auf dem Kopf?

Baselitz drehte ab 1969 die Motive seiner Bilder um 180 Grad, um den Inhalt in den Hintergrund treten zu lassen und die Malerei selbst – Farbe, Pinselstrich, Komposition – in den Vordergrund zu rücken. Er wollte das Bild von der „fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit“ befreien. Wichtig: Er drehte nicht das fertige Bild um, sondern malte das Motiv von Anfang an kopfüber auf die Leinwand.

Wie alt ist Georg Baselitz geworden?

Georg Baselitz wurde 88 Jahre alt. Er kam am 23. Januar 1938 in Deutschbaselitz in Sachsen zur Welt und starb am 30. April 2026 in Salzburg. Bis kurz vor seinem Tod war er künstlerisch aktiv und arbeitete an großformatigen Spätwerken.

Welches ist das berühmteste Bild von Baselitz?

Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die große Nacht im Eimer“ (1962/63), „Der Wald auf dem Kopf“ (1969) als erstes umgedrehtes Bild, „Die großen Freunde“ aus der Helden-Serie sowie „Schlafzimmer“ (1975). Im Auktionsmarkt ist „Dresdner Frauen – Besuch aus Prag“ mit über 11 Millionen US-Dollar sein bisher teuerstes versteigertes Werk.

Wo kann man Werke von Baselitz sehen?

Werke von Baselitz hängen in vielen großen Sammlungen weltweit. 2026 sind zwei Schauen im Museum der Moderne Salzburg (Mönchsberg und Rupertinum) sowie die Ausstellung „Heroes of Gold“ in der Fondazione Giorgio Cini in Venedig zu sehen. Dauerhaft präsentieren ihn unter anderem das Städel Museum Frankfurt, das Haus der Kunst München, die Fondation Beyeler bei Basel sowie das MoMA in New York.

Warum heißt der Künstler Baselitz?

Sein bürgerlicher Name war Hans-Georg Kern. 1961 nahm er den Künstlernamen Baselitz an – als Hommage an seinen Geburtsort Deutschbaselitz in der sächsischen Oberlausitz. Diese Namenswahl war zugleich eine bewusste Verbindung zu seiner ostdeutschen Herkunft und ein Statement gegen die Trennung der beiden deutschen Staaten.

Was sind die Pandämonischen Manifeste?

Die Pandämonischen Manifeste sind zwei Texte, die Baselitz 1961 und 1962 gemeinsam mit dem Maler Eugen Schönebeck verfasste. Sie fordern eine radikale, expressive und provokante Malerei und gelten als programmatisches Fundament seiner künstlerischen Haltung. Die Manifeste prägten auch die Strukturierung seiner aktuellen Ausstellung im Rupertinum Salzburg.

War Baselitz auch Bildhauer?

Ja, neben der Malerei schuf Baselitz seit den 1980er Jahren bedeutende Skulpturen, meist aus rohem Holz, oft mit der Kettensäge bearbeitet und teilweise farbig gefasst. Diese groben, archaisch wirkenden Figuren ergänzen sein malerisches Werk und wurden auf der Biennale Venedig 1980 erstmals einem großen internationalen Publikum gezeigt.

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