Richard Löwenherz und der Dritte Kreuzzug

Lila Hawthorne

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Wie führte Richard Löwenherz den Dritten Kreuzzug?
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Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2026

Richard I. von England, besser bekannt als Richard Löwenherz, gilt als einer der bedeutendsten Kreuzfahrerkönige des Mittelalters. Sein Feldzug im Dritten Kreuzzug von 1189 bis 1192 ist geprägt von militärischen Brillanzleistungen, strategischem Geschick und einer ungewöhnlichen Rivalität mit dem muslimischen Sultan Saladin. Kein anderer europäischer Monarch jener Zeit hat den Kampf um das Heilige Land so entscheidend geprägt wie er – und kaum einer ist mit so vielen Legenden umwoben.

Wie führte Richard Löwenherz den Dritten Kreuzzug?

Hintergrund: Der Dritte Kreuzzug und seine Vorgeschichte

Der Auslöser für den Dritten Kreuzzug war die Rückeroberung Jerusalems durch Sultan Saladin im Jahr 1187. Nach der vernichtenden Niederlage der Kreuzfahrer in der Schlacht bei Hattin am 4. Juli 1187 – eine der folgenreichsten Schlachten des Mittelalters – fiel die Heilige Stadt in muslimische Hände. Saladin hatte die Kreuzfahrerarmee durch gezielte Taktik in ein wasserarmes Gelände gelockt und dort vernichtet. Der Fall Jerusalems, das seit 1099 in christlichem Besitz gewesen war, schockierte die gesamte christliche Welt.

Papst Gregor VIII. rief umgehend zum Kreuzzug auf. Die mächtigsten Monarchen Europas schlossen sich zusammen: Friedrich I. Barbarossa, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Philipp II. August von Frankreich und Richard I. von England. Friedrich Barbarossa, der älteste und erfahrenste der drei, ertrank jedoch 1190 beim Überqueren des Flusses Saleph in Kleinasien unter ungeklärten Umständen. Mit seinem Tod brach der deutsche Anteil des Kreuzzugs weitgehend zusammen, da viele seiner Truppen umkehrten. Die Führung des Feldzugs fiel damit faktisch an Richard und Philipp.

Richards Engagement für den Kreuzzug war von Anfang an außergewöhnlich intensiv. Bereits 1187, unmittelbar nach der Nachricht von Hattins Niederlage und noch vor dem offiziellen päpstlichen Kreuzzugsaufruf, hatte er als erster unter den europäischen Fürsten das Kreuz genommen. Zur Finanzierung des Feldzugs schreckte er vor keiner Maßnahme zurück: Er erhob die sogenannte Saladinssteuer, verkaufte Ämter, Privilegien und sogar Städte, und soll gesagt haben, er würde London selbst verkaufen, wenn er einen Käufer fände. Das Ergebnis war eine der bestausgerüsteten Kreuzfahrerwellen, die je England verlassen hatte.

Die Belagerung von Akkon: Erster großer Triumph

Als Richard im Juni 1191 mit seiner Flotte vor Akkon ankam, hatte die Belagerung der wichtigen Hafenstadt bereits fast zwei Jahre gedauert. Die Kreuzfahrer lagen in einer strategisch schwierigen Lage: Sie belagerten die Stadt, wurden aber selbst von Saladins Entsatzheer bedrängt. Die Moral war gesunken, Krankheiten grassierten und der Fortschritt stockte. Richards Ankunft – wie kurz davor die Philipps II. – veränderte die Situation grundlegend.

Richard brachte nicht nur frische Truppen und moderne Belagerungsmaschinen mit, sondern vor allem eine unerschütterliche Entschlossenheit. Die kombinierte Streitmacht unter Richard und Philipp umfasste rund 25.000 Soldaten. Richard leitete eine systematische Beschießung der Stadtmauern mit Katapulten und koordinierte den Angriff mit bemerkenswerter Präzision. Er soll trotz eigener Krankheit – wahrscheinlich Skorbut – persönlich an der Befehlsgebung teilgenommen haben. Nach nur fünf Wochen seit Richards Eintreffen kapitulierten die Verteidiger Akkons im Juli 1191.

Die Kapitulation führte jedoch zu einem der umstrittensten Ereignisse des Kreuzzugs. Da Saladin die vereinbarten Lösegeldzahlungen und Gefangenenfreilassungen nicht fristgerecht leistete – zumindest aus Richards Sicht – ließ der englische König rund 2.700 muslimische Gefangene hinrichten. Dieser Befehl wird bis heute kontrovers diskutiert. Als militärische Entscheidung war er pragmatisch: Richard konnte keine Ressourcen für die Bewachung einer so großen Zahl von Gefangenen aufwenden, während er den Marsch fortsetzen musste. Als humanitäre Frage ist er nicht zu rechtfertigen.

Strategische Meisterleistung: Der Marsch nach Jaffa

Nach der Einnahme Akkons zog Richard mit seinem Heer die Küste entlang in Richtung Jaffa. Dieser Marsch gilt als eine der bemerkenswertesten militärischen Leistungen des gesamten Kreuzzugzeitalters. Richard wählte eine Route mit dem Mittelmeer auf der rechten Flanke. Die Flotte begleitete den Landmarsch parallel und versorgte das Heer mit Nahrung, Wasser und Nachschub, was die Abhängigkeit von lokalen Ressourcen minimierte.

Saladins Truppen griffen kontinuierlich von links an, konnten jedoch die disziplinierte Schlachtordnung der Kreuzfahrer nicht durchbrechen. Richard hatte strenge Anweisungen ausgegeben: Die Truppen sollten die Schlachtordnung unter keinen Umständen aufbrechen – selbst wenn sie unter Pfeilbeschuss standen. Die Bogenschützen sollten Saladin zurückhalten, bis der richtige Moment für einen Gegenangriff kam. Diese eiserne Disziplin war für mittelalterliche Heere, in denen adelige Reiter häufig auf eigene Faust agierten, außergewöhnlich schwer durchzusetzen.

In der entscheidenden Schlacht von Arsuf am 7. September 1191 griff Saladin mit seiner vollen Streitmacht an. Die Kreuzfahrer hielten zunächst die Ordnung. Dann gaben die Hospitaliter an der Nachhut – wohl aus einer Kombination aus Erschöpfung und ritterlichem Ehrgeiz – Richards Befehl nach und brachen in eine ungeordnete Attacke aus. Richard reagierte mit bewundernswerter Schnelligkeit: Er verwandelte die ungeordnete Attacke in einen koordinierten Gegenangriff der gesamten Kavallerie und schlug Saladins Armee in die Flucht. Arsuf war Saladins erste bedeutende Feldniederlage seit Jahren und gilt als Richards größte taktische Leistung des Kreuzzugs.

Zypern und die Sicherung der Nachschublinien

Bereits auf dem Weg ins Heilige Land hatte Richard eine wichtige strategische Entscheidung getroffen: die Einnahme Zyperns. Die Insel wurde seit 1184 von einem Usurpator namens Isaak Komnenos regiert, der sich als unabhängiger Herrscher betrachtete und sich der Kontrolle durch Konstantinopel entzogen hatte. Als Schiffe aus Richards Flotte durch einen Sturm gestrandet waren und Isaak die Schiffbrüchigen gefangen nahm, griff Richard ein.

Die Einnahme Zyperns in nur wenigen Wochen 1191 erwies sich als strategisch wertvoller Zug. Die Insel bot einen sicheren Hafen für Nachschubflotten, eine Basis für medizinische Versorgung und eine Rückzugsmöglichkeit für Kranke und Verwundete. Ohne Zypern wäre die Versorgung des Kreuzzugheers ungleich schwieriger gewesen. Zypern blieb nach dem Ende des Dritten Kreuzzugs im Besitz der Kreuzfahrer und wurde 1192 an König Guido von Lusignan übergeben, den vertriebenen König von Jerusalem – eine Entschädigung, die die politischen Verhältnisse in der Region für weitere Jahrzehnte prägte.

Die Frage um Jerusalem: Zwei vergebliche Vorstöße

Das erklärte Ziel des Kreuzzugs war die Rückeroberung Jerusalems. Richard unternahm zwei Vorstöße in Richtung der Heiligen Stadt – und zog sich beide Male zurück, ohne anzugreifen.

Im Winter 1191/1192 rückte das Kreuzfahrerheer bis Beit Nuba vor, nur noch 24 Kilometer von Jerusalem entfernt. Richard entschied sich dennoch gegen einen Angriff. Seine Argumentation war militärisch nüchtern: Saladin hatte Jerusalem stark befestigt. Selbst im Falle eines Erfolgs hätte das Heer die Stadt nach dem Rückzug der europäischen Könige kaum dauerhaft halten können – Philipp II. hatte Akkon bereits verlassen, um in Frankreich die zurückgelassenen englischen Besitzungen anzugreifen. Richards eigene politische Lage in England war durch das Treiben seines Bruders Johann instabil. Ein riskanter Angriff auf Jerusalem hätte alles auf eine Karte gesetzt.

Der zweite Vorstoß im Sommer 1192 endete ebenfalls ohne Angriff. Einer der am stärksten literarisierten Momente des Kreuzzugs ereignete sich bei dieser Gelegenheit: Richard soll auf einem Hügel bei Jerusalem gestanden und sich mit einem Schild das Gesicht bedeckt haben, weil er die Stadt nicht ansehen wollte, wenn er sie nicht befreien konnte. Ob diese Szene historisch verbürgt ist oder eine spätere Ausschmückung darstellt, ist nicht zu klären – sie spricht jedenfalls für die emotionale Dimension, die Jerusalem für den aufrichtig frommen Richard hatte.

Die Seeschlacht und die Verteidigung Jaffas

Neben seinen Landkampagnen zeigte Richard auch seinen persönlichen Kampfmut in mehreren dramatischen Situationen. Im Sommer 1192 belagerten Saladins Truppen Jaffa und drohten die Stadt einzunehmen. Richard griff mit einer kleinen Flotte ein und soll persönlich von den Schiffen ins flache Wasser gesprungen sein, um am Strand zu kämpfen – kaum dass die Schiffe nahe genug herangekommen waren. Die dramatische Entlastung Jaffas festigte seinen Ruf als persönlich mutiger Kämpfer, der die Gefahr nicht scheute.

Kurz darauf fand nahe Jaffa ein weiteres Gefecht statt, in dem Richard mit einer kleinen Truppe von wenigen hundert Mann einen Angriff Saladins mit mehreren tausend Reitern abwehren musste. Zeitgenössische Berichte schildern Richard als einsam auf seinem Pferd reitend entlang der feindlichen Linien, fast als Herausforderung. Saladins Bewunderung für diesen Gegner war offenbar so groß, dass er ihm ein frisches Pferd schicken ließ, als er sah, dass Richards Reittier zu Boden gegangen war – eine Geschichte, die möglicherweise ausgeschmückt ist, aber die ungewöhnliche Dynamik dieser Rivalschaft illustriert.

Der Vertrag von Jaffa: Ein diplomatischer Kompromiss

Im September 1192 schlossen Richard und Saladin den sogenannten Vertrag von Jaffa, der den Dritten Kreuzzug formal beendete. Die wichtigsten Bestimmungen dieses Abkommens:

  • Die Küstenstreifen zwischen Akkon und Jaffa verblieben in christlichem Besitz.
  • Die Stadt Askalon, die die Kreuzfahrer aufgebaut hatten, musste zurückgegeben werden.
  • Unbewaffnete christliche Pilger erhielten das Recht auf freien Zugang zu den heiligen Stätten in Jerusalem.
  • Ein dreijähriger Waffenstillstand wurde vereinbart.

Jerusalem blieb muslimisch. Für Richard war das eine bittere Niederlage in religiöser Hinsicht – er hatte das erklärte Ziel des Kreuzzugs nicht erreicht. In militärischer und diplomatischer Hinsicht war das Ergebnis jedoch respektabel: Die Kreuzfahrerstaaten an der Küste wurden gesichert, und Christen konnten wieder nach Jerusalem pilgern. Akkon entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zur wichtigsten Handelsstadt des östlichen Mittelmeers. Das Kreuzfahrerkönigreich überlebte den Dritten Kreuzzug um ein weiteres Jahrhundert.

Richards Führungsstil und sein Verhältnis zu Saladin

Was den Dritten Kreuzzug von anderen Kreuzzügen unterscheidet, ist die eigenartige gegenseitige Wertschätzung zwischen Richard und Saladin. Beide Männer kämpften erbittert gegeneinander, schickten sich aber gleichzeitig Botschaften, Geschenke und Zeichen des Respekts. Der muslimische Chronist Baha ad-Din ibn Shaddad, ein enger Vertrauter Saladins, berichtet ausführlich über diese ungewöhnliche Rivalschaft und beschreibt Richard als außergewöhnlich mutigen und fähigen Gegner.

Richard selbst war als Heerführer von einer selten kombinierten Mischung aus persönlichem Mut, taktischem Verstand und Führungscharisma geprägt. Er kämpfte häufig in vorderster Linie, was ihn bei seinen Truppen außerordentlich beliebt machte. Gleichzeitig zeigte sein nüchternes Kalkül vor Jerusalem, dass er strategische Realitäten über religiösen Enthusiasmus stellen konnte – ein Zeichen politischer Reife, das in der Forschung manchmal unterschätzt wird.

Sein größtes militärisches Talent war die Koordination verschiedener Truppengattungen unter Druck. In Arsuf gelang es ihm, eine drohende Panik in einen geordneten Gegenangriff umzuwandeln. Im Marsch nach Jaffa hielt er ein heterogenes Heer aus englischen, französischen, deutschen und anderen Rittern sowie Fußsoldaten unterschiedlicher Herkunft unter einer gemeinsamen Disziplin zusammen – in einer Zeit, in der Kreuzfahrerarmeen regelmäßig an internen Rivalitäten zerbrachen.

Häufig gestellte Fragen

Warum griff Richard Jerusalem nicht an, obwohl er so nah war?

Richard kalkulierte nüchtern, dass ein Angriff auf das stark befestigte Jerusalem zu riskant sei. Selbst bei Erfolg hätte das Heer die Stadt nach dem Rückzug der europäischen Könige kaum halten können. Seine Priorität war ein dauerhaftes Ergebnis für die Kreuzfahrerstaaten – nicht ein kurzfristiger Triumph, der sich als militärisch unhaltbar erweisen würde.

Was bedeutete der Vertrag von Jaffa für die Kreuzfahrerstaaten?

Der Vertrag sicherte das Überleben der Küstenstaaten für weitere Jahrzehnte. Akkon blieb christlich und entwickelte sich zur wichtigsten Handelsstadt im östlichen Mittelmeer. Christliche Pilger durften wieder nach Jerusalem reisen. Das war kein Triumph, aber ein realistischer Kompromiss unter schwierigen Umständen.

Wie verhielt sich Richard nach dem Kreuzzug?

Auf dem Rückweg nach England wurde Richard in Österreich von Herzog Leopold gefangen genommen – den er in Akkon öffentlich beleidigt hatte – und an Kaiser Heinrich VI. übergeben. England musste ein enormes Lösegeld zahlen. Richard kehrte 1194 zurück und führte noch Jahre lang Kriege gegen Philipp II. von Frankreich in der Normandie. Er starb 1199 an einer Armbrustpfeilwunde bei der Belagerung der kleinen Burg Chalus-Chabrol in der Gascogne.

War der Dritte Kreuzzug ein Erfolg oder ein Misserfolg?

Das Urteil hängt von der Perspektive ab. Jerusalem blieb muslimisch – das erklärte Ziel wurde verfehlt. Andererseits wurden die Küstenstaaten gerettet, christliche Pilgerrechte gesichert und der Zusammenbruch der Kreuzfahrerbewegung im Heiligen Land abgewendet. Das Kreuzfahrerkönigreich überlebte noch hundert Jahre.

Wie gilt Richard Löwenherz in der historischen Forschung heute?

Die moderne Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild als die Heldenverehrung früherer Jahrhunderte. Richards militärisches Talent und sein Charisma sind unbestritten. Kritisch beurteilt werden die Massenhinrichtung der Gefangenen in Akkon, sein geringes Interesse an England als König sowie die enormen finanziellen Belastungen, die seine Kriege dem Königreich aufbürdeten.

Welche Rolle spielte Philipp II. von Frankreich im Dritten Kreuzzug?

Philipp war formell gleichberechtigter Anführer und spielte bei der Einnahme Akkons eine wichtige Rolle. Er verließ jedoch den Kreuzzug kurz nach der Einnahme Akkons im Sommer 1191 vorzeitig. Sein früher Abzug schwächte Richards Streitmacht erheblich und ermöglichte Philipp, englische Besitzungen in Nordfrankreich anzugreifen – was die jahrelange Feindschaft zwischen den beiden Königreichen weiter anheizte.

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