Hermès gilt heute als eine der begehrtesten Luxusmarken der Welt – mit Handtaschen, Seidentüchern und Lederwaren, die für Exklusivität und kompromisslose Qualität stehen. Doch die Ursprünge des französischen Hauses liegen weit entfernt von Glamour und Haute Couture: Ein protestantischer Sattlermeister, geboren in Deutschland, legte im Paris des 19. Jahrhunderts den Grundstein für ein Familienunternehmen, das bis heute – nach fast 190 Jahren – in der Hand seiner Nachfahren geblieben ist.

Die Wurzeln: Ein Krefelder in Paris
Die Geschichte von Hermès beginnt nicht in Frankreich, sondern in Deutschland. Thierry Hermès wurde am 10. Januar 1801 in Krefeld geboren, als Sohn einer protestantischen Familie, die aus religiösen Gründen aus Frankreich geflohen war. Krefeld war damals ein bedeutendes Zentrum der Textilindustrie, doch Thierry wuchs mit dem Handwerk des Sattlers auf und sollte dieses Erbe nach Frankreich zurücktragen.
1828 zog Thierry Hermès nach Pont-Audemer in der Normandie, nordwestlich von Paris, das damals als eine Art Hauptstadt des Leders galt. Dort verfeinerte er sein Handwerk, heiratete Christine Piérart und sammelte die Erfahrungen, die ihn schließlich in die Hauptstadt führten. 1837 eröffnete er in Paris sein erstes Geschäft, nahe der Kirche Madeleine, in einem der belebtesten Viertel der Stadt. Das Sortiment war klar definiert: hochwertiges Pferdegeschirr, Zaumzeug und Sättel für die Noblen und Wohlhabenden Europas.
Die Qualität sprach für sich. Bereits 1855 gewann das Haus auf der Pariser Weltausstellung die Goldmedaille der ersten Klasse – eine Auszeichnung, die den Ruf von Hermès als Lieferant für anspruchsvollste Kundschaft begründete. Kaiser Napoleon III. gehörte zu den frühen Abnehmern.
Zweite Generation: Der Umzug in die Faubourg Saint-Honoré
Thierry Hermès starb am 10. Januar 1878. Das Unternehmen ging an seinen Sohn Charles-Émile Hermès über, der die Werkstatt weiter ausbaute und schließlich an seine eigenen Söhne, Adolphe und Émile-Maurice Hermès, weitergab. Mit dem Generationenwechsel vollzog sich auch ein räumlicher Schritt von großer symbolischer Tragweite: 1880 verlegte die Familie das Geschäft in die 24, Rue du Faubourg Saint-Honoré im 8. Arrondissement von Paris – eine Adresse, die bis heute das Stammhaus von Hermès beherbergt und zu den bekanntesten Adressen der Luxuswelt zählt.
Émile-Maurice erwies sich als visionärer Unternehmer. Er erkannte früh, dass das Zeitalter der Pferdekutschen seinem Ende entgegenging – das Automobil begann, die Straßen zu erobern. Anstatt diesen Wandel zu beklagen, nutzte er ihn. Er besuchte Kanada und Amerika, beobachtete die aufkommende Reisekultur und brachte eine entscheidende Innovation nach Europa zurück: den Reißverschluss, damals ein nordamerikanisches Novum. 1918 ließ Hermès als eines der ersten Unternehmen Frankreichs Lederwaren mit Reißverschluss fertigen – zunächst eine Jacke für den Prinzen von Wales, dann zunehmend Taschen und Accessoires.
Vom Sattelhaus zum Modehaus: Die 1920er und 1930er Jahre
Die Erweiterung des Sortiments vollzog sich in den folgenden Jahrzehnten konsequent. 1922 brachte Hermès die erste Lederhandtasche für Damen auf den Markt. 1929 folgte die erste Damenmodekollektion, mit Badebekleidung und Reiseoutfits, die im Einklang mit dem neuen, mobilen Lebensstil der Bourgeoisie standen.
Das Jahr 1935 markierte einen weiteren Meilenstein: Hermès lancierte den Sac à dépêches – eine schlichte, elegante Ledertasche, die ursprünglich als Dokumententasche gedacht war. Zwei Jahrzehnte später, im Jahr 1956, wurde dieses Modell weltberühmt, als die Schauspielerin und spätere Fürstin von Monaco, Grace Kelly, es auf dem Titelbild der Zeitschrift Life verwendete, um ihre Schwangerschaft vor den Kameras zu verbergen. Von da an trug die Tasche einen neuen Namen: Kelly Bag.
Ebenfalls in den 1930er Jahren wurde ein weiteres Hermès-Kultobjekt geboren: 1937 erschien das erste Carré, das quadratische Seidentuch aus reiner Lyoner Seide, das mit aufwendigen Druckmotiven versehen war. Das Carré sollte zu einem der bekanntesten Accessoires der Modewelt werden und gehört bis heute zum Kernbestand der Marke – pro Jahr entstehen neue Motive, entworfen von Künstlern und Illustratoren aus aller Welt.
Nachkriegszeit: Parfüm, Uhren und internationale Expansion
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Robert Dumas-Hermès, Schwiegersohn von Émile-Maurice, die Geschicke des Unternehmens. Unter seiner Führung diversifizierte Hermès weiter. 1950 wurde die Parfümabteilung gegründet; zu den frühen Kreationen gehören Düfte, die heute als Klassiker gelten. 1951 folgte die Uhrensparte. Das Sortiment wuchs, behielt aber stets seine charakteristische Verbindung zu Handwerk, Reise und Pferdewelt.
Robert Dumas konzipierte in dieser Zeit auch eine Reisetasche für Männer – ein geräumiger Lederbeutel mit Trageriemen –, der später, in leicht abgewandelter Form, als Damentasche neu interpretiert wurde. Dieses Modell sollte die Grundlage für ein zweites Kultobjekt bilden, das in den 1980er Jahren entstehen würde.
Die Ära Jean-Louis Dumas und die Birkin Bag
1978 übernahm Jean-Louis Dumas, Enkel von Émile-Maurice, die Leitung des Unternehmens. Er gilt als einer der bedeutendsten Gestalter der modernen Hermès-Identität. Unter ihm wurde das Haus konsequent als globale Luxusmarke positioniert, ohne dabei die handwerkliche Tradition aufzugeben.
Die berühmteste Anekdote seiner Amtszeit datiert auf das Jahr 1981: Jean-Louis Dumas saß im Flugzeug neben der britischen Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin. Sie klagte, dass keine Tasche existiere, die ihren Ansprüchen genüge – geräumig, funktional, aber dennoch schön. Dumas griff zur Serviette, skizzierte eine Idee, und wenig später entstand die Birkin Bag: eine Handtasche, die heute Wartelisten von mehreren Jahren erzeugt und auf dem Sekundärmarkt oft ein Vielfaches ihres Ursprungspreises erzielt. Sie gilt als eine der wertvollsten Handtaschen der Welt.
Unter Jean-Louis Dumas expandierte Hermès auch international, eröffnete neue Boutiquen in Tokio, New York und Hongkong und investierte gezielt in Beteiligungen an anderen Handwerksbetrieben – darunter der Cristallerie Saint-Louis und die Silberschmiede Puiforcat.
Hermès heute: Familienbesitz und globale Ausnahmestellung
Seit 2012 führt Axel Dumas, ein Nachfahre der sechsten Generation, das Unternehmen als geschäftsführender Gesellschafter. In einer Luxusindustrie, die von Konglomeraten wie LVMH und Kering dominiert wird, ist Hermès eine Ausnahmeerscheinung: Das Unternehmen befindet sich nach wie vor mehrheitlich im Besitz der Gründerfamilie und verfolgt eine bewusst restriktive Wachstumsstrategie.
Diese Strategie trägt Früchte. Im Jahr 2025 erzielte Hermès einen konsolidierten Umsatz von über 16 Milliarden Euro – ein Anstieg von rund 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Kerngeschäft Lederwaren und Sattlerei übertraf allein sieben Milliarden Euro. Im ersten Quartal 2026 verzeichnete die Gruppe ein weiteres Wachstum von sechs Prozent zu konstanten Wechselkursen. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 26.500 Menschen und investiert laufend in neue Produktionsstätten in Frankreich, darunter neue Lederwerkstätten in Loupes, Charleville-Mézières und Colombelles.
Die Strategie von Axel Dumas zielt konsequent auf den Erhalt von Exklusivität und Begehrlichkeit: begrenzte Produktionsmengen, lange Wartelisten, kein Onlineverkauf über Drittplattformen, keine Lizenzgeschäfte. Das Unternehmen bleibt damit strukturell unabhängig von den Mechanismen des Massenmarkts – eine Entscheidung, die sich sowohl im Börsenwert als auch in der kulturellen Wertschätzung der Marke spiegelt.
Häufig gestellte Fragen
Wann und wo wurde Hermès gegründet?
Hermès wurde 1837 von Thierry Hermès in Paris gegründet. Das erste Geschäft lag nahe der Kirche Madeleine und spezialisierte sich auf hochwertiges Pferdegeschirr und Sättel. Der Gründer selbst stammte aus Krefeld in Deutschland, wohin seine protestantische Familie zuvor aus Frankreich geflohen war.
Wie entstand die berühmte Birkin Bag?
Die Birkin Bag entstand 1981, nachdem Jean-Louis Dumas, der damalige Leiter von Hermès, im Flugzeug zufällig neben der Schauspielerin Jane Birkin saß. Sie beschrieb, was für eine ideale Alltagstasche fehle, Dumas skizzierte ein Design auf einer Serviette – und kurz darauf wurde das Modell produziert. Die Tasche trägt seitdem Jane Birkins Namen.
Warum ist die Kelly Bag nach Grace Kelly benannt?
Die Tasche, die ursprünglich 1935 als Sac à dépêches eingeführt wurde, trägt ihren heutigen Namen seit 1956: In jenem Jahr erschien die Schauspielerin Grace Kelly, damals bereits Fürstin von Monaco, auf dem Titelbild des Magazins Life mit eben dieser Tasche – und der Name blieb. Hermès benannte das Modell offiziell nach ihr.
Gehört Hermès noch der Gründerfamilie?
Ja. Hermès ist eine der wenigen großen Luxusmarken, die bis heute mehrheitlich im Familienbesitz geblieben ist. Das Unternehmen wird seit 2012 von Axel Dumas geführt, einem Nachfahren der sechsten Generation. Eine feindliche Übernahme durch den LVMH-Konzern, der ab 2010 Anteile aufkaufte, konnte die Familie durch Umstrukturierungsmaßnahmen abwehren.
Wie hoch ist der Umsatz von Hermès im Jahr 2025?
Hermès erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen konsolidierten Umsatz von über 16 Milliarden Euro, ein Plus von rund 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Kerngeschäft Lederwaren und Sattlerei trug allein mehr als sieben Milliarden Euro dazu bei. Im ersten Quartal 2026 setzte sich das Wachstum mit einem Plus von sechs Prozent fort.
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**Quellen:** [Hermès (Unternehmen) – Wikipedia](https://de.wikipedia.org/wiki/Herm%C3%A8s_(Unternehmen)) · [Unternehmensgeschichte Hermès – Wunderlabel](https://wunderlabel.com/lab/fashion-company-histories/hermes/) · [A Timeline and History of the Iconic Hermès Brand – Baghunter](https://baghunter.com/blogs/insights/hermes-brand-history-timeline) · [Hermès Revenue Growth in Europe for 2026 – TheIndustry.fashion](https://www.theindustry.fashion/hermes-reports-double-digit-growth-in-first-quarter-of-2026-despite-middle-east-impact/) · [In Krefeld geboren: das Luxus-Label Hermès – meinfrankreich.com](https://meinfrankreich.com/hermes_krefeld_luxusmarke_frankreich/) · [Hermès: Gewinnrückgang wegen Sondersteuer – FashionUnited](https://fashionunited.de/nachrichten/business/hermes-gewinnruckgang-wegen-sondersteuer-fur-unternehmen/2026021265396)
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