In der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1888 verletzte sich der niederländische Maler Vincent van Gogh in der südfranzösischen Stadt Arles so schwer, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Er hatte sich sein linkes Ohr abgeschnitten – zumindest einen erheblichen Teil davon. Dieses Ereignis gehört zu den bekanntesten Episoden der Kunstgeschichte, und doch ranken sich bis heute zahlreiche Fragen und Theorien darum, was in jener Dezembernacht wirklich geschah und welche Motive dahintersteckten.
Die Nacht in Arles – was wirklich passierte
Vincent van Gogh lebte seit Februar 1888 in Arles, wo er das berühmte „Gelbe Haus“ gemietet hatte. Er hoffte, dort eine Künstlerkolonie zu gründen, und lud seinen Malerfreund Paul Gauguin ein, ihn zu besuchen. Gauguin kam im Oktober 1888 an, und die beiden Künstler arbeiteten intensiv zusammen – doch die Beziehung war von Anfang an spannungsgeladen. Beide hatten starke Charaktere, unterschiedliche künstlerische Auffassungen und reagierten empfindlich auf Kritik.
Die Spannungen eskalierten im Laufe des Dezembers. Am 23. Dezember kam es zu einem heftigen Streit. Was genau vorgefallen ist, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, denn die einzigen Zeugen waren van Gogh selbst und Gauguin, und ihre Berichte weichen voneinander ab. Sicher ist: Van Gogh schnitt sich mit einem Rasiermesser einen Teil seines linken Ohres ab. Er brachte das Ohrstück dann zu einer Frau namens Rachel, die in einem nahegelegenen Bordell arbeitete, und übergab es ihr. Anschließend kehrte er ins Gelbe Haus zurück und legte sich ins Bett.
Am nächsten Morgen fand ihn die Polizei schwer verwundet. Er wurde in das Hôtel-Dieu-Krankenhaus in Arles eingeliefert, wo ihn der junge Arzt Félix Rey behandelte. Einem erst später entdeckten Brief von Dr. Rey zufolge hatte van Gogh sein gesamtes linkes Ohr abgeschnitten – nicht nur das Ohrläppchen, wie lange vermutet worden war.
Die Theorie der Selbstverletzung – die klassische Erklärung
Die am weitesten verbreitete Erklärung geht von einer Selbstverletzung aus. Demnach soll van Gogh nach dem Streit mit Gauguin in einen psychotischen Zustand verfallen sein und sich in diesem Anfall das Ohr abgeschnitten haben. Diese Version basiert im Wesentlichen auf Gauguins Bericht an die Polizei und wurde lange als gesichert angesehen.
Zu dieser Erklärung passen van Goghs bekannte psychische Instabilität und seine Neigung zu heftigen Stimmungsschwankungen. Er selbst hatte in Briefen an seinen Bruder Theo beschrieben, wie er unter intensiven seelischen Zuständen litt, die er kaum kontrollieren konnte. Auch sein intensives Arbeitspensum – in Arles malte er innerhalb weniger Monate mehr als 200 Bilder – deutet auf psychischen Druck hin.
Interessant ist auch, dass van Gogh das Ohr einer Frau namens Rachel übergab. Einige Kunsthistoriker sehen darin einen symbolischen Akt: In der Stierkampftradition des Südens Frankreichs wurde dem siegreichen Matador manchmal das Ohr des Stiers als Trophäe überreicht. Van Gogh war ein Fan des Stierkampfes. Es ist denkbar, dass er sich unbewusst in dieser Geste auf diese Tradition bezog, obwohl dies spekulativ bleibt.
Alternative Theorien – war Gauguin beteiligt?
Im Jahr 2009 veröffentlichten die deutschen Kunsthistoriker Hans Kaufmann und Rita Wildegans ein Buch, in dem sie eine kontroverse These aufstellten: Nicht van Gogh selbst, sondern Paul Gauguin habe das Ohr abgeschnitten. Ihrer Analyse zufolge hätte Gauguin, der ein geübter Fechter war und ein Florett mitführte, van Gogh in einem Moment eskalierender Auseinandersetzung verletzt.
Als Belege führten die Autoren unter anderem Unstimmigkeiten in Gauguins Aussagen an und verwies auf das Schweigen, das beide Männer nach dem Vorfall scheinbar vereinbart hatten. Die Kunstwelt reagierte skeptisch: Führende Van-Gogh-Experten, darunter Mitarbeiter des Van-Gogh-Museums in Amsterdam, wiesen diese These als unhaltbar zurück. Es fehlten belastbare historische Belege, und die Beweisführung sei zu spekulativ.
Die meisten Forscher halten an der Selbstverletzungstheorie fest, zumal van Gogh selbst nie Gauguin beschuldigt hat. In seinen Briefen nach dem Vorfall zeigte er sich eher besorgt darum, Gauguin nicht zu schaden und die Situation zu beruhigen.
Die Rolle von Theo van Goghs Verlobung
Der britische Kunstjournalist Martin Bailey präsentierte 2016 eine weitere Hypothese: Nicht allein der Streit mit Gauguin, sondern die Nachricht von der Verlobung seines Bruders Theo habe van Goghs psychischen Zusammenbruch ausgelöst. Theo war Vincent van Goghs engster Vertrauter und finanzieller Unterstützer. Er hatte ihn jahrelang mit Geld versorgt und stand in ständigem Briefkontakt mit ihm.
Theo van Gogh hatte kurz zuvor mitgeteilt, dass er Johanna Bonger heiraten wollte. Vincent soll diese Nachricht als Bedrohung empfunden haben – er fürchtete, Theo würde sich von ihm abwenden und die finanzielle Unterstützung einschränken. Die Verlobungsankündigung fiel zeitlich unmittelbar vor den Ereignissen in Arles. Bailey argumentiert, dass diese emotionale Erschütterung zusammen mit dem Streit mit Gauguin zu dem extremen Ausbruch führte.
Auch diese Theorie kann den Vorfall nicht abschließend erklären, bietet aber einen weiteren psychologischen Kontext, der plausibel erscheint. Wahrscheinlich wirkten mehrere Faktoren zusammen: die angespannte Beziehung zu Gauguin, die Sorge um seine Zukunft und die emotionale Abhängigkeit von Theo.
Van Goghs psychische Erkrankung – Diagnosen und Deutungen
Der Vorfall in Arles war der erste schwere Ausbruch einer Erkrankung, die van Gogh von da an verfolgte. Die zeitgenössischen Ärzte in Arles diagnostizierten Epilepsie, was heute als wahrscheinlich falsch gilt. Moderne Psychiater und Medizinhistoriker haben verschiedene Diagnosen vorgeschlagen, darunter eine bipolare affektive Störung (manisch-depressive Erkrankung) oder eine schizoaffektive Störung.
Van Gogh selbst beschrieb in seinen Briefen Phasen intensiver Kreativität und Euphorie, die von tiefen Depressionen abgelöst wurden. Diese Wechsel zwischen extremen Zuständen passen zur Diagnose einer bipolaren Störung. Andere Forscher haben auf den möglichen Einfluss von Alkohol und Absinthe hingewiesen, den van Gogh in großen Mengen konsumierte, sowie auf einen möglichen Bleivergiftung durch die Farben, die er verwendete.
Wer unter ähnlichen psychischen Beschwerden leidet, sollte einen Arzt aufsuchen. Psychiatrische Erkrankungen wie bipolare Störungen sind heute gut behandelbar, und eine frühzeitige Diagnose verbessert die Prognose erheblich.
Das Jahr in Saint-Rémy und der Aufenthalt in der Nervenklinik
Nach dem Vorfall wurde van Gogh zunächst im Krankenhaus von Arles behandelt. In den folgenden Monaten erholte er sich zeitweise, doch die psychotischen Schübe kehrten immer wieder zurück. Die Bevölkerung von Arles begann, ihn zu fürchten und zu meiden. Im Mai 1889 entschied sich van Gogh selbst, freiwillig in die psychiatrische Anstalt Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy-de-Provence einzutreten.
Dort verbrachte er elf Monate. Trotz seiner schweren Erkrankung – oder vielleicht gerade deshalb – entstand in Saint-Rémy eine Fülle von Meisterwerken. „Die Sternennacht“, eines der bekanntesten Gemälde der Kunstgeschichte, malte er dort im Juni 1889. Auch Ölgemälde wie „Olivenbäume“, „Weizenfeld mit Zypressen“ und zahlreiche Reproduktionen nach Werken anderer Maler entstanden in dieser Zeit.
Der Arzt in Saint-Rémy, Théophile Peyron, beobachtete die Krankheitsepisoden genau und ließ van Gogh in den ruhigen Phasen malen. Diese Toleranz war für die damalige Zeit ungewöhnlich fortschrittlich. Van Gogh nutzte die Möglichkeit intensiv und schuf in Saint-Rémy über 150 Gemälde und ebenso viele Zeichnungen.
Van Goghs letztes Jahr in Auvers-sur-Oise
Nach elf Monaten in Saint-Rémy entschied van Gogh im Mai 1890, die Anstalt zu verlassen. Er reiste nach Paris, besuchte kurz seinen Bruder Theo und dessen Frau Johanna mit dem neugeborenen Neffen Vincent Willem, und zog dann weiter in das kleine Dorf Auvers-sur-Oise nördlich von Paris. Dort kam er unter die Obhut des Arztes und Kunstliebhabers Paul Ferdinand Gachet, der van Goghs Talent sehr schätzte und ihn regelmäßig begleitete.
In Auvers erlebte van Gogh eine intensive künstlerische Schlussphase. In weniger als 70 Tagen schuf er über 70 Gemälde, darunter das berühmte „Weizenfeld mit Krähen“ und mehrere Porträts von Dr. Gachet. Die Produktivität war erschreckend hoch für einen Mann, der gleichzeitig unter psychischen Schüben litt und nach eigenen Aussagen zunehmend die Hoffnung verlor, je vollständig gesund zu werden.
Am 27. Juli 1890 schoss sich van Gogh in ein Weizenfeld außerhalb von Auvers und trug eine schwere Bauchverletzung davon. Er schleppte sich zurück in sein Zimmer und starb zwei Tage später, am 29. Juli 1890, an den Folgen der Verletzung. Sein Bruder Theo, der sofort aus Paris angereist war, hielt ihn bis zum Schluss an der Hand. Theo van Gogh selbst folgte ihm nur sechs Monate später, im Januar 1891, in den Tod.
Das Erbe des Ohres – ein Symbol in der Kulturgeschichte
Der Vorfall mit dem Ohr hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegraben. Er ist heute mehr als eine historische Episode: Er steht symbolisch für den leidenden Künstler, für den Zusammenhang zwischen Genie und psychischem Schmerz, und für die Frage, wie Gesellschaften mit psychisch kranken Menschen umgehen.
Van Gogh selbst malte sich wenige Wochen nach dem Vorfall mit dem Ohr verbunden: Das „Selbstbildnis mit verbundenem Ohr“ (Januar 1889) zeigt ihn ruhig, konzentriert, in einem japanischen Kimono. Das Gemälde wirkt erstaunlich gefasst angesichts des Dramas, das sich kurz zuvor ereignet hatte. Es ist heute eines der begehrtesten Werke der Kunstwelt und befindet sich in der Courtauld Gallery in London.
In Arles erinnert heute die Fondation Vincent van Gogh an das Leben und Werk des Malers in der Stadt. Das ursprüngliche Gelbe Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, doch der Standort ist markiert. Jährlich besuchen Zehntausende Menschen die Stätten, die mit van Goghs Leben in Arles verbunden sind.
Häufig gestellte Fragen
Warum schnitt van Gogh sein Ohr ab?
Die genauen Gründe sind bis heute nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich spielten mehrere Faktoren zusammen: ein heftiger Streit mit dem Maler Paul Gauguin, emotionaler Stress durch die Verlobungsankündigung seines Bruders Theo und van Goghs zugrundeliegende psychische Erkrankung, die vermutlich eine bipolare Störung war. In einem psychotischen Anfall schnitt er sich am 23. Dezember 1888 das linke Ohr ab.
Hat van Gogh sein ganzes Ohr abgeschnitten oder nur das Ohrläppchen?
Lange Zeit war umstritten, ob van Gogh das gesamte Ohr oder nur das Ohrläppchen abgeschnitten hatte. Ein erst später entdeckter Brief des behandelnden Arztes Dr. Félix Rey legt nahe, dass van Gogh sein gesamtes linkes Ohr abschnitt, nicht nur einen kleinen Teil davon. Diese Information ändert das Bild der Tat erheblich.
Hat Paul Gauguin van Gogh das Ohr abgeschnitten?
Diese Theorie wurde 2009 von den deutschen Kunsthistorikern Hans Kaufmann und Rita Wildegans aufgestellt. Die meisten Experten, darunter das Van-Gogh-Museum in Amsterdam, halten sie für nicht belastbar. Es fehlen konkrete Beweise, und van Gogh selbst hat Gauguin nie beschuldigt. Die Mehrheit der Forschung geht weiterhin von einer Selbstverletzung aus.
An welche Erkrankung litt van Gogh?
Zu Lebzeiten wurde bei van Gogh Epilepsie diagnostiziert, was heute als wahrscheinlich falsch gilt. Moderne Psychiater vermuten eine bipolare affektive Störung oder eine schizoaffektive Störung. Van Gogh litt unter wechselnden Phasen extremer Kreativität und tiefer Depression. Zudem spielten sein hoher Alkoholkonsum und möglicherweise eine Bleivergiftung durch Farben eine Rolle.
Was malte van Gogh nach dem Ohrvorfall?
Kurz nach dem Vorfall malte van Gogh sein berühmtes „Selbstbildnis mit verbundenem Ohr“ (Januar 1889). Während seines Aufenthalts in der psychiatrischen Anstalt Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy-de-Provence entstand 1889 eine seiner bedeutendsten Arbeiten: „Die Sternennacht“. Trotz seiner Erkrankung war diese Periode künstlerisch außerordentlich produktiv.
Was passierte mit dem abgeschnittenen Ohr?
Van Gogh brachte sein abgeschnittenes Ohr zu einer Frau namens Rachel, die in einem Bordell in der Nähe des Gelben Hauses in Arles arbeitete. Er übergab ihr das Ohr eingewickelt in ein Tuch. Einige Forscher sehen darin eine Anlehnung an den südfranzösischen Stierkampf, bei dem dem siegreichen Matador das Ohr des Stiers als Trophäe überreicht wird.










