Blutgruppen sind genetisch festgelegte Merkmale auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen, die darüber entscheiden, welches Blut mit welchem verträglich ist. Ihre Entdeckung vor über 125 Jahren zählt zu den folgenreichsten Errungenschaften der Medizingeschichte: Erst durch das Wissen um Blutgruppen wurden sichere Transfusionen möglich. Bis heute erweitern Forschende das Bild — zuletzt mit einem neuen System, das 2024 offiziell anerkannt wurde.
Vor der Entdeckung: Tödliche Transfusionen
Schon im 17. Jahrhundert versuchten Ärzte, Blut von einem Menschen auf einen anderen zu übertragen — mit meist katastrophalem Ausgang. Patienten starben an schweren Schüttelfrost-Anfällen, Schockzuständen und Organversagen. Niemand verstand, warum manche Übertragungen glimpflich verliefen und andere tödlich endeten. Das Konzept der Blutverträglichkeit war schlicht unbekannt. Bluttransfusionen wurden in vielen Ländern schließlich ganz verboten.
Karl Landsteiner und die Geburt des ABO-Systems
Den entscheidenden Durchbruch erzielte der österreichische Arzt und Biochemiker Karl Landsteiner (1868–1943) um die Jahrhundertwende. Im Jahr 1900 führte er in Wien systematische Kreuzversuche durch: Er trennte Blut in seine Bestandteile Serum und rote Blutkörperchen und mischte diese Komponenten verschiedener Probanden miteinander. Dabei beobachtete er ein klares Muster — in bestimmten Kombinationen verklumpten die roten Blutkörperchen (Agglutination), in anderen nicht.
1901 veröffentlichte Landsteiner seine Ergebnisse in der Wiener Klinischen Wochenschrift unter dem Titel „Über Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes“. Er unterschied drei Gruppen, die er zunächst A, B und C nannte. Die Gruppe C trägt heute die Bezeichnung 0 (Null). 1902 entdeckten seine Mitarbeiter Alfred Decastello und Adriano Sturli die vierte Kombination: die Gruppe AB. 1909 wurden die vier Typen offiziell als ABO-System klassifiziert.
Für diese Leistung erhielt Landsteiner 1930 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Das Komitee würdigte damit eine Entdeckung, die Millionen von Menschenleben rettete — und noch heute rettet.
Wie das ABO-System funktioniert
Das ABO-System beruht auf dem Vorhandensein oder Fehlen bestimmter Oberflächenmoleküle (Antigene) auf den roten Blutkörperchen sowie der zugehörigen Antikörper im Blutplasma:
- Blutgruppe A: Antigen A auf den Blutkörperchen, Antikörper Anti-B im Plasma
- Blutgruppe B: Antigen B auf den Blutkörperchen, Antikörper Anti-A im Plasma
- Blutgruppe AB: Antigene A und B vorhanden, keine Antikörper im Plasma
- Blutgruppe 0: Keine Antigene, aber sowohl Anti-A als auch Anti-B im Plasma
Trifft ein Antikörper auf das passende Antigen, kommt es zur Agglutination — einer Verklumpung, die im Körper zu lebensbedrohlichen Reaktionen führt. Genau das erklärte rückwirkend die vielen Todesfälle durch frühe Transfusionen.
Der Rhesusfaktor: Landsteiners zweiter großer Fund
Landsteiner war auch maßgeblich an einer weiteren wichtigen Entdeckung beteiligt. 1940 identifizierten er und sein Kollege Alexander Solomon Wiener den sogenannten Rhesusfaktor. Sie injizierten Blut von Rhesusaffen in Kaninchen und Meerschweinchen; die dabei gebildeten Antikörper reagierten mit den roten Blutkörperchen von etwa 85 Prozent aller getesteten Menschen. Diese Personen wurden als Rh-positiv eingestuft, die übrigen 15 Prozent als Rh-negativ.
Das Rhesusfaktor-System ist heute nach dem ABO-System das klinisch bedeutsamste Blutgruppensystem. Es umfasst mehrere Untermerkmale, wobei das Antigen D (kurz: RhD) das wichtigste ist. In der Praxis beschreibt die Kombination aus ABO-Gruppe und Rhesusfaktor — etwa „A positiv“ oder „0 negativ“ — die Blutgruppe eines Menschen.
Bedeutung für Transfusionen und Operationen
Die praktischen Konsequenzen der Blutgruppenforschung sind enorm. Vor jeder Bluttransfusion wird heute routinemäßig eine Blutgruppenbestimmung und Kreuzprobe durchgeführt: Das Spenderblut wird auf Verträglichkeit mit dem Empfängerblut getestet. Unverträgliche Transfusionen können zu hämolytischen Reaktionen führen — der Körper zerstört die fremden Blutkörperchen, was Nierenversagen, Schock und Tod verursachen kann.
Besondere Relevanz hat die Blutgruppe 0 Rh-negativ: Da diese Gruppe keine ABO-Antigene und keinen RhD-Faktor trägt, kann sie im Notfall an nahezu alle Menschen übertragen werden. Trägerinnen und Träger dieser Gruppe gelten deshalb als „Universalspender“ und sind für Blutbanken besonders wertvoll.
Blutgruppen in der Schwangerschaft
Ein weiteres medizinisch kritisches Feld ist die Schwangerschaft. Ist eine Rh-negative Mutter mit einem Rh-positiven Kind schwanger, kann ihr Immunsystem nach dem ersten Kontakt mit kindlichem Blut — etwa bei der Geburt — Antikörper gegen den RhD-Faktor bilden. Bei einer zweiten Schwangerschaft mit einem Rh-positiven Kind können diese Antikörper die Plazentaschranke überwinden und die roten Blutkörperchen des ungeborenen Kindes angreifen: eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung namens hämolytische Erkrankung des Neugeborenen.
Heute wird diese Gefahr durch die rechtzeitige Gabe von Anti-D-Immunglobulin (Rhesusprophylaxe) zuverlässig verhindert — eine direkte Folge der Blutgruppenforschung.
48 Blutgruppensysteme und das neue MAL-System
Das ABO- und das Rhesussystem sind die bekanntesten, aber keineswegs die einzigen. Die Internationale Gesellschaft für Bluttransfusion (ISBT) erkennt derzeit 48 Blutgruppensysteme an, darunter Kell, Kidd, Duffy, Lewis und viele weitere. Für die meisten Patienten spielen diese Systeme im Alltag kaum eine Rolle — bei Menschen, die regelmäßig Transfusionen erhalten (etwa bei Sichelzellanämie oder Thalassämie), können jedoch auch seltenere Unverträglichkeiten klinisch bedeutsam werden.
Besondere Aufmerksamkeit erregte 2024 die Entdeckung des MAL-Blutgruppensystems durch Forschende des NHS Blood and Transplant Service in Bristol. Das Rätsel dahinter reichte fast 50 Jahre zurück: Seit 1972 war bekannt, dass einzelne Menschen das sogenannte AnWj-Antigen nicht besitzen — ein Oberflächenmolekül, das über 99,9 Prozent aller Menschen tragen. Erst mit modernen molekulargenetischen Methoden gelang es 2024, das zugehörige Trägermolekül zu identifizieren: das Myelin- und Lymphozytenprotein (MAL). Das neue System ermöglicht gezielte Tests und erleichtert es, für die seltenen AnWj-negativen Patientinnen und Patienten kompatible Spender zu finden.
Blutgruppen und Krankheitsrisiken
Neuere Forschung zeigt statistische Zusammenhänge zwischen Blutgruppen und dem Risiko bestimmter Erkrankungen. Trägerinnen und Träger der Blutgruppe A haben laut Studien ein leicht erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten, während Blutgruppe 0 mit einem erhöhten Risiko für Magengeschwüre durch Helicobacter pylori assoziiert ist. Während der COVID-19-Pandemie wurde beobachtet, dass Blutgruppe 0 mit einem geringfügig niedrigeren Schweregrad verbunden zu sein scheint. Diese Zusammenhänge sind statistischer Natur und erlauben keine individuellen Prognosen — sie sind aber Gegenstand aktiver medizinischer Forschung.
Häufig gestellte Fragen
Wer hat die Blutgruppen entdeckt?
Der österreichische Mediziner Karl Landsteiner entdeckte 1900–1901 die Blutgruppen A, B und 0. Seine Mitarbeiter Alfred Decastello und Adriano Sturli ergänzten 1902 die Gruppe AB. Für diese Entdeckung erhielt Landsteiner 1930 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. 1940 entdeckte er gemeinsam mit Alexander Wiener auch den Rhesusfaktor.
Warum sind Blutgruppen bei Transfusionen wichtig?
Werden unverträgliche Blutgruppen übertragen, erkennt das Immunsystem des Empfängers die fremden Antigene und greift die Spenderblutkörperchen an. Es kommt zur Agglutination (Verklumpung), die zu schweren Reaktionen wie Nierenversagen, Schock und im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Deshalb wird vor jeder Transfusion eine Blutgruppenbestimmung und Kreuzprobe durchgeführt.
Was bedeutet Rh-positiv und Rh-negativ?
Der Rhesusfaktor beschreibt, ob das Antigen D (RhD) auf den roten Blutkörperchen vorhanden ist. Etwa 85 Prozent der Menschen sind Rh-positiv (D vorhanden), rund 15 Prozent Rh-negativ (kein D). In der Schwangerschaft ist der Rhesusfaktor besonders wichtig, da eine Rh-Unverträglichkeit zwischen Mutter und Kind unbehandelt zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung des Neugeborenen führen kann.
Wie viele Blutgruppensysteme gibt es?
Die Internationale Gesellschaft für Bluttransfusion (ISBT) erkennt aktuell 48 Blutgruppensysteme an. Das bekannteste und klinisch bedeutsamste ist das ABO-System, gefolgt vom Rhesus-System. 2024 wurde das MAL-System als jüngstes anerkanntes Blutgruppensystem hinzugefügt, nachdem ein 50 Jahre altes Rätsel um das AnWj-Antigen gelöst werden konnte.
Welche Blutgruppe ist die seltenste?
Im globalen Durchschnitt ist AB negativ mit etwa 1 Prozent Häufigkeit die seltenste der acht gängigen Blutgruppen (A, B, AB, 0 jeweils positiv oder negativ). Die Häufigkeiten variieren stark zwischen Bevölkerungsgruppen und Regionen. Jenseits des ABO/Rh-Systems existieren extrem seltene Konstellationen in anderen Blutgruppensystemen — etwa AnWj-negativ, das weniger als 0,1 Prozent der Menschen betrifft.
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Sources:
– [Entdeckung der Blutgruppen durch Karl Landsteiner – medmix.at](https://medmix.at/entdeckung-der-blutgruppen-karl-landsteiner/)
– [Karl Landsteiner – DRK Blutspende-Magazin](https://www.blutspende.de/magazin/von-a-bis-0/der-entdecker-der-blutgruppen-karl-landsteiner)
– [AB0-System – Wikipedia](https://de.wikipedia.org/wiki/AB0-System)
– [Rhesusfaktor – Wikipedia](https://de.wikipedia.org/wiki/Rhesusfaktor)
– [Neue Blutgruppe MAL – DRK Blutspende-Magazin](https://www.blutspende.de/magazin/von-a-bis-0/neue-blutgruppe-mal-was-bedeutet-das)
– [MAL-Blutgruppe nach 50 Jahren entdeckt – Futura Sciences](https://www.futura-sciences.com/de/raetsel-geloest-neue-blutgruppe-nach-50-jahren-entdeckt_17124/)
– [Blutgruppe verrät versteckte Krankheitsrisiken – forschung-und-wissen.de](https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/medizin/blutgruppe-verraet-versteckte-krankheitsrisiken-133710467)
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