Lange vor der Ankunft europäischer Entdecker hatten die indigenen Völker Nordamerikas ihre eigenen Antworten auf die grundlegendsten Fragen der Menschheit gefunden: Wie entstand die Welt? Woher kommen die Menschen? Was ist unsere Bestimmung in dieser Schöpfung? Ihre Schöpfungsmythen, die über Generationen hinweg mündlich weitergegeben wurden und tief im Alltag, in Zeremonien und im Rechtssystem der jeweiligen Gemeinschaft verankert waren, sind von einer Vielfalt und Tiefe, die bis heute fasziniert und nachdenklich stimmt.
Die Vielfalt der Schöpfungsvorstellungen Nordamerikas
Es gab in Nordamerika niemals die eine indianische Schöpfungsgeschichte. Mehr als 600 eigenständige Völker mit über 500 verschiedenen Sprachen lebten auf diesem Kontinent, als die ersten Europäer ankamen. Jede dieser Gemeinschaften hatte ihre eigene kosmologische Überlieferung, die an die lokale Umgebung, Lebensweise, Geschichte und spirituelle Praxis der Gemeinschaft angepasst war.
Was viele dieser Erzählungen trotz aller Unterschiede verbindet, ist eine grundlegende Haltung gegenüber der Welt: Diese ist lebendig, alles in ihr ist miteinander verbunden und beseelt – nicht nur Tiere, sondern auch Pflanzen, Steine, Wasser, Wind und Himmelserscheinungen. Der Mensch ist in dieser Weltsicht kein Herr über die Natur, sondern ein Teil von ihr, der in Beziehung zu allen anderen Wesen steht und aus dieser Beziehung Verantwortung trägt.
Grob lassen sich verschiedene Grundtypen von Schöpfungserzählungen unterscheiden. Manche Völker berichteten von einem einzelnen Schöpferwesen, das die Welt aus dem Nichts heraus schuf. Andere schilderten eine Entstehung aus dem Chaos oder dem Urwasser heraus. Wieder andere erzählten von einer Welt, die zwar bereits existierte, aber erst durch gemeinsame Anstrengung von Menschen, Tieren und Geistwesen Form annahm. Und viele der faszinierendsten Mythen kombinieren all diese Motive zu mehrstufigen, komplexen Erzählungen mit moralischer Tiefe.
Turtle Island – Die Welt auf dem Rücken der Schildkröte
Eine der verbreitetsten Schöpfungsvorstellungen in Nordamerika ist die Schildkrötenerde – auf Englisch „Turtle Island“ genannt. Viele Völker des Ostens und Zentrums des Kontinents, darunter die Irokesen-Konföderation (Haudenosaunee), die Ojibwe, die Lenape und zahlreiche weitere Algonkin-sprachige Völker, teilten die Überzeugung, dass die Erde auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte ruhe, die im unendlichen Urozean schwimme.
In der Version der Irokesen entfaltet sich die Geschichte in mehreren Akten. Zunächst existiert nur ein Himmelsvolk, das in einer Welt über dem Ozean lebt, den kein Licht von unten beleuchtet. Als eine schwangere Frau dieses Himmelsvolkes durch ein Loch fällt, das durch das Entwurzeln eines heiligen Baumes entstanden ist, tauchen Wasservögel auf, fangen sie auf und tragen sie. Doch es gibt kein festes Land, auf dem sie landen könnten.
Die Tiere beraten sich: Wer kann auf den Grund des Meeres tauchen und Erde heraufbringen? Ente, Biber und andere Tiere versuchen es nacheinander, kommen aber erschöpft oder tot zurück. Schließlich wagt es die kleine Moschus-Ratte (oder in anderen Versionen die Erdkröte), taucht tief, und kommt mit einem winzigen Stückchen Schlamm in der Pfote zurück. Dieser Schlamm wird auf den breiten Rücken einer Schildkröte gelegt, wächst und wächst, und wird schließlich zum Kontinent Nordamerika. Die Himmelsfamilie lebt auf dieser neuen Erde und bringt die Vorfahren der Menschen zur Welt.
In dieser Geschichte sind mehrere charakteristische Elemente versammelt: die Kooperation zwischen allen Wesen des Lebens als Voraussetzung der Schöpfung, die Verbindung zwischen Himmelswelt und Erdenwelt, die Bedeutung kleiner und unscheinbarer Wesen für das große Ganze, und die Vorstellung, dass die Schöpfung ein dynamischer, gemeinsamer Prozess ist, kein einmaliger Willkürakt einer omnipotenten Gottheit.
Die Weltzeitalter der Hopi
Die Hopi, ein Pueblo-Volk, das seit Jahrhunderten in der Hochebene des heutigen Arizona lebt, haben einen der vielschichtigsten Schöpfungsmythen Nordamerikas überliefert. Nach ihrer kosmologischen Vorstellung haben die Menschen mehrere Welten durchlaufen, bevor sie in der gegenwärtigen vierten Welt ankamen – und eine weitere, die fünfte Welt, steht nach Hopi-Prophezeiungen noch bevor.
Am Anfang steht Taiowa, der unendliche Schöpfer, der zunächst die Spinnenfrau (Spider Woman/Kókyangwuti) erschafft und ihr einen Teil seiner Schöpferkraft verleiht. Die Spinnenfrau erschafft zusammen mit dem Sonnengott Sotuknang die Erde und das Leben. Zuerst die Erde, dann das Wasser, dann die Luft, dann das Feuer. Schließlich formt die Spinnenfrau aus Ton vier Paare von Menschen verschiedener Hautfarbe, die zusammen leben und die Schöpfungsordnung aufrechterhalten sollen.
Doch die Menschen der ersten Welt vergessen die Lehren der Schöpfer, streiten und vernachlässigen ihre Zeremonien. Sotuknang vernichtet die erste Welt durch Feuer und führt die treuen Menschen in Sicherheit, bevor er eine neue Welt erschafft. In der zweiten Welt herrscht Eis. In der dritten Welt kommen die Menschen zu Wohlstand und Macht, aber auch zu Übermut und Gewalt – diese Welt geht durch eine große Flut unter. Die vierte Welt, unsere gegenwärtige Welt, ist die Prüfungswelt: Hier sollen die Menschen durch Gebet, Arbeit und Zeremonien beweisen, dass sie fähig sind, in Harmonie mit der Schöpfung zu leben.
Die Hopi-Kivas (unterirdische Zeremonialräume) haben im Boden eine kleine Vertiefung, das Sipapu, das die Öffnung symbolisiert, durch die die Menschen aus der dritten in die vierte Welt aufgestiegen sind. Es ist ein räumlicher Verweis auf den Schöpfungsmythos und hält die Erinnerung an die kosmologische Geschichte im Ritualleben der Gemeinschaft lebendig.
Wakan Tanka – Das Große Geheimnis der Lakota
Für die Lakota Sioux, die Bewohner der Großen Ebenen im Herzen Nordamerikas, steht am Ursprung aller Dinge Wakan Tanka – das Große Geheimnis, der Große Geist oder die Große Kraft. Es wäre jedoch irreführend, Wakan Tanka einfach mit dem christlichen Gott gleichzusetzen, denn das Konzept ist strukturell grundlegend verschieden: Wakan Tanka ist nicht ein persönlicher Gott, der außerhalb der Welt steht und in sie eingreift, sondern eine alles durchdringende Kraft, die in jedem Wesen, jedem Stein, jeder Pflanze, jeder Wolke und jedem Windhauch gegenwärtig ist.
In der Lakota-Kosmologie existierte zunächst nur Wakan Tanka und der Große Geist (Tunkashila). Aus dem Willen des Großen Geistes entstanden dann vier große Schöpfungsmächte, die gemeinsam die Erde und alle Lebewesen erschufen. Dazu gehören die vier Himmelsrichtungen, die vier Elemente, die vier Lebensalter und viele weitere Vierheiten, die das Lakota-Denken durchziehen. Die Zahl vier ist für die Lakota eine heilige Zahl, die Vollständigkeit und Gleichgewicht symbolisiert.
Besonders bedeutsam für das religiöse Leben der Lakota ist die Überlieferung der Weißen Büffelkalbfrau (White Buffalo Calf Woman), die vor langer Zeit zu einem verhungernden Volk kam und ihm das Geschenk der heiligen Pfeife brachte. Mit der Pfeife kam auch das Wissen um die Zeremonien, die das richtige Verhältnis zwischen Mensch, Schöpfung und Wakan Tanka aufrechterhalten. Bevor die Weiße Büffelkalbfrau ging, verhieß sie ihre Wiederkehr – ein Versprechen, das viele Lakota bis heute im Blick behalten. Die 1994 tatsächlich geborene weiße Büffelkalbin wurde von vielen als Erfüllung dieser Prophezeiung gedeutet.
Kojote, Rabe und die schöpferische Kraft des Tricksters
Eine Figur taucht in den Schöpfungsmythen von Hunderten nordamerikanischer Völker auf: der Trickster. Keine andere mythologische Figur ist so verbreitet und so wenig mit europäischen Kategorien fassbar. Der Trickster ist gleichzeitig Schöpfer und Zerstörer, Held und Narr, Weiser und Dummkopf. In den Kulturen der Pazifikküste und der Subarktis ist es oft der Rabe (Raven), im Südwesten und auf den Großen Ebenen der Kojote (Coyote).
Der Rabe ist in den Überlieferungen der Tlingit, Haida, Tsimshian und vieler weiterer Küstenvölker die zentrale Schöpferfigur. Seine wichtigste Tat ist der Diebstahl des Lichts: Am Anfang war die Welt in Dunkelheit gehüllt, weil ein mächtiger Häuptling das Licht in einer Schachtel versteckt hielt. Der Rabe – immer klüger als alle anderen, aber auch unersättlich gierig – verwandelt sich in ein Krähenbaby, wird vom Häuptling adoptiert, bringt ihm Freude als Enkelsohn, und nutzt die entstandene Vertrauenssituation, um die Schachtel mit dem Licht zu stehlen. Er fliegt damit davon und setzt Sonne, Mond und Sterne an den Himmel. Ohne den selbstsüchtigen, listigen Raben und seinen Diebstahl gäbe es kein Licht auf der Erde.
Der Kojote der südwestlichen und Ebenen-Traditionen ist ähnlich widersprüchlich. Die Miwok Kaliforniens überliefern, dass Großvater Kojote die Menschen aus Vogelfedern erschuf – nach mehreren gescheiterten Versuchen, weil er immer wieder einen Fehler machte. Diese Darstellung der Schöpfung als iterativen, fehleranfälligen Prozess ist für Trickster-Mythen charakteristisch: Die Welt ist nicht vollkommen erschaffen worden, weil der Schöpfer selbst fehlbar und unvollkommen ist. Das gibt der Welt ihre Lebendigkeit, aber auch ihre Schwierigkeiten.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Weltbilder
Trotz aller Unterschiede zwischen Hunderten von Schöpfungsüberlieferungen lassen sich mehrere Grundmotive identifizieren, die viele – wenn auch nicht alle – nordamerikanischen Schöpfungsmythen teilen:
- Animismus und Beseeltheit der Natur: Tiere, Pflanzen, Steine, Gewässer und atmosphärische Erscheinungen sind in fast allen Überlieferungen beseelt und handeln in den Mythen als Personen mit eigenem Willen und eigenen Interessen.
- Gemeinschaftliche Schöpfung: Die Welt entsteht selten durch das Wirken einer einzigen Gottheit, sondern ist das Ergebnis gemeinschaftlicher Anstrengung vieler Wesen – Götter, Tiere, Menschen und Geister kooperieren und streiten dabei.
- Zyklische Zeit: Viele Überlieferungen beschreiben nicht eine einmalige Schöpfung, sondern Zyklen von Weltenentstehung und Weltuntergang, aus denen jeweils eine neue, veränderte Welt hervorgeht.
- Moralische Einbettung: Schöpfungserzählungen sind nicht nur Berichte über kosmische Vergangenheit, sondern enthalten immer auch konkrete Handlungsanleitungen: Wie verhält man sich richtig gegenüber Tieren? Wann werden Zeremonien durchgeführt? Welche Tabus müssen beachtet werden?
- Heilige Orte: Die Schöpfungserzählungen sind eng mit konkreten Landschaften verknüpft. Berge, Flüsse, Canyons und Quellen sind heilig, weil dort das Schöpfungsgeschehen stattfand oder weil dort eine Verbindung zur Geisterwelt besteht.
Überlieferung zwischen Tradition und Gegenwart
Die Schöpfungsmythen der indigenen Völker Nordamerikas wurden über Jahrhunderte mündlich weitergegeben – in Zeremonien, in Lagerfeuergeschichten, von Großeltern an Enkel, von Schamanen und Zeremonienführern an ihre Nachfolger. Diese mündliche Überlieferung war kein bloßes „Erzählen von Geschichten“, sondern ein sakraler Akt mit klaren Regeln: Manche Geschichten durften nur zu bestimmten Jahreszeiten erzählt werden, manche nur an bestimmten Orten, manche nur von bestimmten Personen.
Mit der Kolonisierung wurden diese Überlieferungen systematisch unterdrückt. In den Residential Schools (Kanada) und Indian Boarding Schools (USA) wurden indigene Kinder gewaltsam von ihren Familien getrennt und durften ihre Sprache nicht sprechen. Zeremonien wurden verboten, Kultgegenstände beschlagnahmt und zerstört, heilige Orte durch Bergbau, Landwirtschaft oder Stadtentwicklung vernichtet. Für viele Völker bedeutete dies den dauerhaften Verlust wesentlicher Teile ihrer Überlieferungen.
Seit den 1970er Jahren – befördert durch die indigene Bürgerrechtsbewegung und das American Indian Movement (AIM) – erleben viele Gemeinschaften eine Revitalisierung ihrer kulturellen Überlieferungen. Sprachen werden in Schulen unterrichtet, Zeremonien offen und selbstbewusst praktiziert, und Schöpfungsmythen werden von indigenen Autoren und Forschern selbst dokumentiert und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dieser Prozess ist wichtig und schützenswert.
Außenstehende, die sich für diese Traditionen interessieren, sind gut beraten, den Unterschied zu respektieren zwischen dem, was geteilt wird – weil die Gemeinschaft es für angemessen hält – und dem, was aus gutem Grund im Verborgenen bleibt. Echtes Interesse an indigener Kosmologie beginnt mit dem Respekt vor dieser Grenze und der Bereitschaft, von indigenen Stimmen zu lernen, statt über sie zu sprechen.
Häufig gestellte Fragen
Hatten alle Indianerstämme dieselbe Schöpfungsgeschichte?
Nein, keineswegs. Nordamerika war vor der Kolonisierung die Heimat von mehr als 600 eigenständigen Völkern mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und religiösen Überzeugungen. Jedes Volk hatte seine eigene Schöpfungserzählung, angepasst an die lokale Umgebung und Geschichte. Es gibt zwar verbindende Motive wie den Animismus oder die Schildkrötenerde, aber von einer einheitlichen „indianischen“ Schöpfungsgeschichte kann keine Rede sein – das wäre eine unzulässige Vereinfachung einer außerordentlichen kulturellen Vielfalt.
Was bedeutet Turtle Island?
Turtle Island (Schildkröteninsel) ist ein Begriff aus den Schöpfungsmythen vieler nordöstlicher und zentraler Völker Nordamerikas, der den Kontinent selbst bezeichnet. Nach diesen Überlieferungen liegt die Erde auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte, die im Urozean schwimmt. Der Begriff wird heute auch von indigenen Aktivisten verwendet, um auf die jahrtausendealte Geschichte der First Nations und Native Americans vor der europäischen Kolonisierung hinzuweisen und das Land bei seinem indigenen Namen zu nennen.
Wer ist Wakan Tanka?
Wakan Tanka ist ein zentraler Begriff der Lakota-Sioux-Spiritualität, meist mit „Großer Geist“ oder „Großes Geheimnis“ übersetzt. Es handelt sich nicht um einen persönlichen Gott nach westlichem Verständnis, sondern um eine allumfassende, alles durchdringende Kraft, die alle Dinge erschaffen hat und in allen Wesen gegenwärtig ist. Das Konzept lässt sich kaum vollständig in westliche Sprachen übersetzen, weil es weder monotheistisch noch polytheistisch ist, sondern eine eigene Kategorie des Heiligen und des Kosmischen darstellt.
Was ist ein Trickster in der indianischen Mythologie?
Ein Trickster ist eine mythologische Figur, die gleichzeitig Schöpfer, Zerstörer, Helfer und Narr sein kann. Bekannte Trickster-Figuren in Nordamerika sind der Kojote (im Südwesten und auf den Ebenen) und der Rabe (an der Pazifikküste und in der Subarktis). Trickster-Figuren handeln aus eigennützigen Motiven, machen Fehler, bewirken aber trotzdem oder gerade deswegen wichtige Schöpfungsakte. Ihre Geschichten vermitteln moralische Lehren mit Humor und ohne erhobenen Zeigefinger.
Darf man über indianische Schöpfungsmythen schreiben und forschen?
Viele indigene Gemeinschaften haben selbst Bücher, Webseiten und andere Materialien veröffentlicht, in denen sie ihre Überlieferungen vorstellen und teilen. Gleichzeitig gibt es einen Bereich sakralen Wissens, der für Außenstehende nicht zugänglich ist und es auch nicht sein soll. Respektvolles Interesse und wissenschaftliche Auseinandersetzung sind möglich und willkommen, aber die Vermarktung heiliger Inhalte oder kulturelle Aneignung werden von vielen Gemeinschaften abgelehnt. Der beste Ausgangspunkt sind Werke, die von indigenen Autorinnen und Autoren selbst verfasst wurden.
Welche Ähnlichkeiten haben indianische Schöpfungsmythen mit denen anderer Kulturen?
Auffällig viele Motive tauchen weltweit in verschiedenen Kulturen auf: die Sintflutgeschichte, die Entstehung der Welt aus dem Wasser, der fehlbare Trickster-Schöpfer, die Idee mehrerer aufeinanderfolgender Weltzeitalter. Ob dies auf gemeinsame Urerfahrungen der Menschheit zurückgeht, auf frühe Wanderungen und kulturellen Austausch, oder auf unabhängig entwickelte parallele Lösungen für grundlegende existenzielle Fragen, ist ein aktives wissenschaftliches Forschungsfeld, das Anthropologie, Linguistik und Vergleichende Religionswissenschaft verbindet.










