Die Terrakotta-Armee ist eines der beeindruckendsten archäologischen Zeugnisse der Menschheitsgeschichte. Tausende lebensgroße Tonfiguren aus dem dritten Jahrhundert vor Christus bewachen noch heute das Grab des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi – und sie wurden zufällig von einfachen Bauern entdeckt. Beherbergt wird dieses Weltwunder von der alten Kaiserstadt Xi’an in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi, einer Stadt, die zu den geschichtsträchtigsten Metropolen der Welt zählt.

Xi’an: Die alte Kaiserhauptstadt Chinas
Xi’an liegt im Herzen Chinas, im Guanzhong-Becken der Provinz Shaanxi, und gehört zu den ältesten Städten des Landes. Mit einer Geschichte von über 3.000 Jahren war Xi’an unter verschiedenen Namen – darunter Chang’an – die Hauptstadt von insgesamt 13 chinesischen Dynastien, darunter die Qin-Dynastie (221-206 v. Chr.), die Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) und die Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.). Damit war Xi’an eine der bedeutendsten Metropolen der antiken Welt – im siebten und achten Jahrhundert nach Christus galt Chang’an als die bevölkerungsreichste Stadt der Erde.
Heute ist Xi’an eine moderne Millionenstadt mit rund 13 Millionen Einwohnern, die dennoch ihr historisches Erbe sorgfältig bewahrt. Die gut erhaltene Stadtmauer aus der Ming-Dynastie, die muslimische Huimin-Straße mit ihrem lebhaften Basar, die Dayan-Pagode und zahlreiche Museen machen Xi’an zu einem der bedeutendsten Reiseziele Chinas. Die Stadt liegt am östlichen Endpunkt der historischen Seidenstraße und war jahrhundertelang ein wichtiges Zentrum des Handels, der Kultur und der Politik.
Für die Terrakotta-Armee ist die geografische Lage entscheidend: Die Figuren wurden etwa 30 bis 40 Kilometer östlich des Stadtzentrums von Xi’an entdeckt, am Fuße des Lishan-Gebirges. Dort ließ Kaiser Qin Shihuangdi ab 246 v. Chr. sein gigantisches Grabmausoleum errichten – ein Bau, der über vier Jahrzehnte andauerte und hunderttausende Arbeiter beschäftigte.
Wer war Kaiser Qin Shihuangdi?
Qin Shihuangdi (259-210 v. Chr.) war eine der prägendsten Gestalten der chinesischen Geschichte. Als Ying Zheng geboren, wurde er im Alter von 13 Jahren König des Staates Qin und einte im Jahr 221 v. Chr. nach langen Feldzügen die sieben rivalisierenden chinesischen Reiche unter seiner Herrschaft. Damit war er der erste Kaiser eines geeinten China – sein Herrschaftstitel „Shihuangdi“ bedeutet wörtlich „erster erhabener Kaiser“.
Qin Shihuangdi gilt als einer der einflussreichsten Herrscher der Weltgeschichte. Er standardisierte Schrift, Maße, Gewichte und das Münzsystem in ganz China und schuf damit die Grundlage für eine einheitliche chinesische Kultur. Er ließ die Grundzüge der Großen Mauer errichten, um die nördlichen Grenzen gegen nomadische Völker zu sichern, und baute ein umfangreiches Straßen- und Kanalnetz, das die Verwaltung und den Handel des riesigen Reiches erleichterte.
Gleichzeitig war seine Herrschaft von enormer Härte geprägt. Bücher wurden verbrannt, Gelehrte wurden verfolgt, und abweichende Meinungen wurden brutal unterdrückt. Sein Machtanspruch war absolut, und er lebte in ständiger Angst vor Attentaten. Berichte aus der Antike schildern, dass er regelmäßig seinen Aufenthaltsort wechselte und sein Palast einem Labyrinth glich. Trotz – oder gerade wegen – dieser Widersprüche gehört er zu den faszinierendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte.
Die zufällige Entdeckung im Jahr 1974
Die Geschichte der Entdeckung der Terrakotta-Armee liest sich wie ein Roman. Am 29. März 1974 gruben Bauern aus dem Dorf Xiyang, nordöstlich von Xi’an, nach Wasser, um ihre ausgetrockneten Felder zu bewässern. In etwa sechs Metern Tiefe stießen sie auf eine harte, rötlich verbrannte Erde – und dann auf Scherben von Tonfiguren sowie alte Bronzepfeilspitzen. Die Bauern erkannten nicht sofort, was sie gefunden hatten, meldeten den Fund jedoch den örtlichen Behörden.
Archäologen aus Peking und Xi’an rückten an und begannen systematisch zu graben. Was sie freilegten, übertraf jede Erwartung: ein riesiges unterirdisches Heer aus Ton, das seit mehr als 2.200 Jahren im Dunkeln ruhte. Die Entdeckung wurde weltweit als archäologische Sensation des Jahrhunderts bezeichnet. Innerhalb weniger Jahre wurden die Gruben erschlossen und ein eigenes Museum errichtet, das 1979 für Besucher geöffnet wurde.
Die Bauern, die den Fund gemacht hatten, wurden später zu Botschaftern des Museums und signierten jahrzehntelang Bücher und Souvenirs für Touristen aus aller Welt. Einer von ihnen, Yang Zhifa, wurde zu einer lokalen Berühmtheit, die Besucher aus der ganzen Welt anzog.
Die drei Gruben und ihre Geheimnisse
Die Terrakotta-Armee ist nicht in einer einzigen riesigen Halle vergraben, sondern verteilt sich auf mehrere separate Gruben, die in unterschiedlichem Abstand zum eigentlichen Kaisergrabhügel liegen. Jede Grube hat einen eigenen Charakter und repräsentiert einen anderen Teil der kaiserlichen Armee.
Grube 1: Das Herzstück der Armee
Grube 1 ist die größte und am besten erforschte Anlage. Sie misst 230 Meter in der Länge und 62 Meter in der Breite, ist zwischen 4,5 und 6,5 Meter tief und enthält schätzungsweise 6.000 Keramikfiguren sowie Keramikpferde. Die Figuren stehen in langen, parallelen Korridoren, angeordnet wie eine echte Armee in Marschformation. Infanteristen, Bogenschützen und Streitwagen-Einheiten sind darin vertreten.
Grube 1 wurde 1974 entdeckt und ist heute das Herzstück des Museums. Eine riesige Schutzhalle überdacht die Anlage, sodass Besucher die Ausgrabungen aus nächster Nähe beobachten können. Archäologen arbeiten noch immer aktiv in der Grube und legen neue Figuren frei – ein einzigartiges Erlebnis für Besucher, die echte Wissenschaft in Aktion erleben möchten.
Grube 2: Kavallerie und gemischte Einheiten
Grube 2, im April 1976 entdeckt, hat eine geschwungene, L-förmige Form und umfasst eine Fläche von rund 6.000 Quadratmetern. Sie enthält mehr als 1.300 Keramikfiguren und Pferde, über 80 Streitwagen und eine große Zahl von Metallwaffen. Diese Grube repräsentiert eine komplexe Truppenformation aus Kavallerie, Infanterie, Staffeln und Streitwagen-Einheiten. Archäologen sehen in ihr ein Abbild des damaligen militärischen Höchststands der Qin-Armee.
In Grube 2 fanden Archäologen auch einige der am besten erhaltenen farbigen Figuren. Besonders bemerkenswert sind ein kniender Bogenschütze mit noch sichtbaren Farbresten sowie ein hochrangiger General, der durch seinen aufwendig gestalteten Panzer und seinen Gesichtsausdruck heraussticht.
Grube 3: Der Kommandoposten
Grube 3 ist die kleinste der drei Hauptgruben und wurde ebenfalls im Frühjahr 1976 entdeckt. Sie enthält nur 68 Keramikfiguren und vier Pferde sowie einen einzelnen Streitwagen. Archäologen interpretieren Grube 3 als den Kommandoposten der gesamten Armee, in dem hochrangige Generäle und kaiserliche Berater stationiert waren. Die Anordnung der Figuren unterscheidet sich deutlich von den militärischen Formationen in den anderen Gruben – die Figuren stehen einander gegenüber, wie in einer Lagebesprechung.
Weitere Gruben und das eigentliche Mausoleum
Neben den drei Hauptgruben wurden im Laufe der Jahrzehnte weitere kleinere Nebengruben entdeckt. In diesen fanden sich Bronzeakrobaten, Musiker, Beamtenfiguren und sogar seltene Bronzevögel – Kraniche, Enten und Schwäne – die in einem unterirdischen Teich arrangiert waren. Diese Funde zeigen, dass das Mausoleum weit mehr umfasste als eine reine Militärdarstellung.
Das eigentliche Grabmausoleum von Qin Shihuangdi liegt unter einem künstlich aufgeschütteten Erdhügel von etwa 76 Metern Höhe – und wurde bis heute nicht geöffnet. Der antike Historiker Sima Qian beschrieb in seinem Werk „Shiji“ einen unterirdischen Palast mit Flüssen aus Quecksilber, einem Sternenhimmel aus Edelsteinen und automatischen Armbrüsten als Schutzvorrichtungen gegen Grabräuber. Moderne wissenschaftliche Messungen haben tatsächlich erhöhte Quecksilberwerte im Boden bestätigt, was die historischen Quellen stützt.
Kunsthandwerk auf höchstem Niveau
Was die Terrakotta-Armee so außergewöhnlich macht, ist nicht nur ihre schiere Größe, sondern auch die handwerkliche Perfektion, mit der jede einzelne Figur gefertigt wurde. Insgesamt wurden mehr als 8.000 Krieger, über 130 Streitwagen mit 520 Pferden sowie 150 Kavalleriepferde und Tausende von Bronzewaffen hergestellt. Kein Gesicht gleicht dem anderen: Die Figuren zeigen unterschiedliche Gesichtszüge, Frisuren, Bart- und Haartrachten sowie Körperhaltungen. Forscher gehen heute davon aus, dass viele Gesichter nach lebenden Modellen geformt wurden.
Die Figuren wurden ursprünglich farbenprächtig bemalt. Reste von Pigmenten auf Basis von natürlichen Mineralien – Azurit, Malachit, Zinnober und anderen Verbindungen – sind noch an einigen Exemplaren sichtbar. Beim ersten Kontakt mit Luft und Licht blätterten die Farben jedoch innerhalb von Sekunden ab – eines der gravierendsten konservatorischen Probleme der modernen Archäologie. Internationale Forschungsprojekte, darunter eine Kooperation zwischen chinesischen und deutschen Wissenschaftlern, haben Methoden entwickelt, um die Farben bei neu freigelegten Figuren länger zu stabilisieren.
Die Herstellung der Figuren erfolgte arbeitsteilig in einer Art frühindustrieller Massenproduktion. Rümpfe, Arme, Köpfe und andere Körperteile wurden separat in standardisierten Formen gefertigt und dann individuell zusammengesetzt und nachbearbeitet. Dutzende von Töpfereistempeln auf den Figuren belegen, in welchen Werkstätten die einzelnen Teile hergestellt wurden – ein früher Qualitätssicherungsmechanismus.
Ausgrabungen und Forschung bis heute
Die Ausgrabung der Terrakotta-Armee ist ein außergewöhnlich langwieriger und vorsichtiger Prozess. Bis heute wurde erst etwa ein Viertel der Gesamtanlage freigelegt. Chinesische Archäologen arbeiten bewusst langsam – zum einen wegen des Konservierungsproblems, zum anderen weil die Technologie für eine schonende Bergung und Restaurierung der farbigen Figuren noch weiterentwickelt wird.
Im Frühjahr 2026 ziehen Ausgrabungen und Funde in Xi’an weiter internationale Aufmerksamkeit auf sich. Das Museum des Mausoleums von Qin Shi Huang ist ein wichtiger Anziehungspunkt für Archäologen, Historiker und Touristen weltweit. Neue Funde werden regelmäßig präsentiert – darunter in vergangenen Jahren Figuren mit ungewöhnlichen Gesichtszügen, die auf nicht-chinesische Vorbilder oder ausländische Söldner in der Qin-Armee hindeuten könnten.
Internationale Zusammenarbeit spielt eine wachsende Rolle. Deutsche, britische, amerikanische und australische Wissenschaftler arbeiten gemeinsam mit chinesischen Kollegen an Fragen der Konservierung, der historischen Einordnung und der digitalen Dokumentation. 3D-Scans und computergestützte Analysen ermöglichen heute eine nie dagewesene Detailtreue bei der Untersuchung der Figuren.
Das Museum und ein Besuch 2026
Das Museum der Terrakotta-Krieger und Pferde von Qin Shi Huang wurde 1979 offiziell eröffnet und zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Welt. Seit 1987 gehört die gesamte Anlage zum UNESCO-Weltkulturerbe. Jährlich besuchen mehrere Millionen Menschen die Gruben – darunter Staatsgäste, Wissenschaftler und Touristen aus aller Welt.
Das Museum befindet sich etwa 30 bis 40 Kilometer östlich des Stadtzentrums von Xi’an und ist per Bus, Taxi oder organisierter Tour gut erreichbar. Drei Schutzhallen überdachen die Hauptgruben, eine weitere Ausstellungshalle präsentiert Funde aus den Nebengruben sowie Bronzewagen und andere Objekte. Ein Besuch sollte mindestens drei bis vier Stunden eingeplant werden, um alle Bereiche angemessen zu erkunden.
Xi’an selbst ist über den internationalen Flughafen Xi’an Xianyang International Airport oder per Hochgeschwindigkeitszug aus Peking (ca. vier bis fünf Stunden) oder Shanghai (ca. fünf bis sechs Stunden) gut erreichbar. Neben der Terrakotta-Armee lohnt ein Besuch der imposanten Stadtmauer aus der Ming-Dynastie, der muslimischen Huimin-Straße und der Großen Wildgans-Pagode.
Häufig gestellte Fragen
In welcher Stadt liegt die Terrakotta-Armee?
Die Terrakotta-Armee liegt in der Nähe der Stadt Xi’an in der Provinz Shaanxi in Zentralchina, etwa 30 bis 40 Kilometer östlich des Stadtzentrums am Fuße des Lishan-Gebirges. Xi’an war als alte Kaiserhauptstadt Chinas der ideale Ort für das Grabmausoleum von Kaiser Qin Shihuangdi.
Wie viele Figuren umfasst die Terrakotta-Armee?
Schätzungen zufolge umfasst die Terrakotta-Armee insgesamt mehr als 8.000 Krieger, über 130 Streitwagen mit 520 Pferden sowie 150 Kavalleriepferde und Tausende von Bronzewaffen. Bis heute wurde allerdings erst etwa ein Viertel der Gesamtanlage ausgegraben.
Wann wurde die Terrakotta-Armee entdeckt?
Die Terrakotta-Armee wurde am 29. März 1974 zufällig von Bauern entdeckt, die östlich von Xi’an einen Brunnen gruben. Archäologen begannen daraufhin systematisch mit der Ausgrabung und Erforschung des Geländes. Das Museum wurde 1979 offiziell eröffnet.
Warum wurden die Tonfiguren gefertigt?
Kaiser Qin Shihuangdi ließ die Terrakotta-Armee anfertigen, um ihm im Tod zu dienen. Die Tonfiguren sollten seinen Geist im Jenseits schützen und ihm denselben Machtapparat sichern wie im Leben. In früheren chinesischen Dynastien wurden echte Menschen und Tiere geopfert – die Tonfiguren stellten eine humanere Alternative dar. Der Bau des gesamten Mausoleumskomplexes soll Hunderttausende von Arbeitern beschäftigt haben.
Ist das eigentliche Grab von Qin Shihuangdi geöffnet?
Nein. Das eigentliche Grabmausoleum unter dem großen Erdhügel wurde bis heute nicht geöffnet. Die chinesischen Behörden haben bewusst entschieden, das Grab vorerst unberührt zu lassen – aus Respekt gegenüber dem kulturellen Erbe und weil die Konservierungstechnologie für eine schonende Bergung der erwarteten Schätze noch nicht vollständig entwickelt ist.
Gehört die Terrakotta-Armee zum UNESCO-Weltkulturerbe?
Ja. Das Mausoleum des ersten Qin-Kaisers einschließlich der Terrakotta-Armee wurde 1987 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Es gilt als eines der bedeutendsten archäologischen Denkmäler der Welt und zieht jährlich Millionen von Besuchern nach Xi’an.
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