Der Begriff „Indianer“ ist im deutschen Sprachgebrauch tief verankert, obwohl er auf einem historischen Irrtum beruht und von vielen der so bezeichneten Menschen abgelehnt wird. Seine Entstehungsgeschichte reicht bis zu Christoph Kolumbus zurück, und die Frage, welche Bezeichnung heute angemessen ist, wird sowohl in Deutschland als auch in Nordamerika lebhaft diskutiert.
Die Herkunft des Begriffs: Ein Irrtum als Bezeichnung
Als Christoph Kolumbus am 12. Oktober 1492 an der Küste der Bahamas an Land ging, war er überzeugt, die Küste Asiens, genauer Indiens, erreicht zu haben. Auf der Suche nach einem westlichen Seeweg nach Indien bezeichnete er die Menschen, denen er begegnete, als „Indios“ – also als Bewohner Indiens. Dieser geographische Irrtum wurde zur Grundlage einer Bezeichnung, die bis heute in vielen Sprachen verwendet wird.
Im Deutschen wandelte sich „Indio“ zu „Indianer“. Die Endung „-er“ folgt einem im Deutschen üblichen Muster für die Bezeichnung von Angehörigen einer Gruppe (vergleichbar mit „Engländer“ oder „Holländer“). Über Jahrhunderte verfestigte sich der Begriff und fand Eingang in Schulbücher, Literatur und die populäre Kultur. Die frühen spanischen Berichte über die „Indios“ verbreiteten sich rasch durch Europa und mit ihnen die irrtümliche Bezeichnung.
Die sprachliche Beharrlichkeit dieses Irrtums ist bemerkenswert. Bereits im frühen 16. Jahrhundert, nach den Expeditionen von Amerigo Vespucci und anderen, war in gelehrten Kreisen bekannt, dass Kolumbus nicht Indien, sondern einen bis dahin in Europa unbekannten Kontinent erreicht hatte. Der Florentiner Kartograph Martin Waldseemüller gab dem neuen Erdteil 1507 den Namen „America“ nach Amerigo Vespucci. Dennoch blieb die irrtümliche Personenbezeichnung „Indianer“ erhalten, wurde in der Alltagssprache kodifiziert und über Generationen weitergegeben, bis sie fester Bestandteil des deutschen und anderer europäischer Wortschatze geworden war.
Wer wird eigentlich als „Indianer“ bezeichnet?
Der Begriff „Indianer“ wird im Deutschen als Sammelbezeichnung für die indigenen Völker Amerikas, vorwiegend Nordamerikas, verwendet. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine homogene Gruppe, sondern um eine außerordentliche Vielfalt von Völkern mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen, Religionen und Gesellschaftsformen.
In den USA werden heute 574 Stämme vom Bundesstaat offiziell anerkannt, davon allein 229 in Alaska. In Kanada gibt es 615 anerkannte First Nations. Die Gesamtzahl der indigenen Völker beider Amerika wird auf weit über tausend verschiedene Gruppen geschätzt. Die Cherokee, das größte Volk in den USA, zählen über 280.000 Mitglieder. Dazu kommen Völker wie die Lakota, die Navajo, die Ojibwe, die Irokesen (Haudenosaunee), die Inuit und viele weitere.
Diese Vielfalt macht deutlich, warum eine einzige Sammelbezeichnung problematisch ist. Was Lakota und Cherokee, Navajo und Haudenosaunee gemeinsam haben, ist hauptsächlich ihre Klassifizierung durch europäische Kolonisatoren, nicht eine gemeinsame Identität, Sprache oder Kultur. Ihre Gemeinsamkeit entstand weniger aus eigener Wahl als aus kolonialer Kategorisierung.
Die Debatte um den Begriff in Deutschland
In Deutschland ist „Indianer“ noch immer weit verbreitet. Das DWDS (Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache) führt ihn als gebräuchliches Wort auf, vermerkt aber die Problematik der Fremdbezeichnung. In neueren Schulbüchern taucht zunehmend der Begriff „indigene Völker Nordamerikas“ auf, während „Indianer“ in älteren Lehrmitteln dominiert. Museen und Bildungseinrichtungen überarbeiten ihre Beschriftungen und Ausstellungskonzepte, um der postkolonialen Kritik Rechnung zu tragen.
Ein besonderes Problem im deutschen Kontext ist die durch Karl May geprägte Vorstellung vom „Indianer“. Der Schriftsteller aus dem sächsischen Ernstthal reiste nie nach Amerika, erschuf aber mit Figuren wie Winnetou, dem edlen Apachen-Häuptling, und dessen Freund Old Shatterhand Abenteuerromane, die millionenfach gelesen wurden und bis heute viele Leser begeistern. Diese Romane schufen ein romantisiertes, statisches Bild der „Indianer“ als edle Naturvölker in Federschmuck und Wigwams, das wenig mit der tatsächlichen Vielfalt und den realen Lebensbedingungen indigener Völker zu tun hat.
Die Winnetou-Romane und ihre zahlreichen Verfilmungen, darunter die jugoslawisch-deutschen Produktionen der 1960er Jahre mit Pierre Brice in der Hauptrolle, prägten Generationen von Deutschen. Die Reaktion auf eine neue Winnetou-Verfilmung und zugehörige Kinderbücher im Jahr 2022 löste in Deutschland eine breite öffentliche Debatte aus: Verlag und Filmproduzenten zogen Produkte zurück, was wiederum eine Gegendebatte über Zensur und kulturelle Aneignung auslöste. Die Diskussion zeigt, wie sensibel das Thema geworden ist.
Ähnliche Stereotype finden sich in Fernsehserien wie „Yakari“, der Trickfilmfigur, die in der Welt der Sioux lebt, sowie in Kinderbüchern, die „Indianer“ als exotische, in der Vergangenheit gefangene Gruppe darstellen – weit entfernt von der Realität lebendiger Kulturen, die sich bis heute weiterentwickeln. Kritiker, darunter auch indigene Aktivisten aus Nordamerika, die in Deutschland auftraten, weisen darauf hin, dass diese Darstellungen den „Indianer“ zum Kostüm und Klischee degradieren und reale Probleme wie Armut, Diskriminierung und der Kampf um Landrechte unsichtbar machen.
Die Sicht der betroffenen Menschen
Viele indigene Menschen lehnen den Begriff „Indianer“ ab, weil er eine Fremdbezeichnung ist, die ohne ihre Mitwirkung entstanden ist und oft mit stereotypen, erniedrigenden Darstellungen verbunden wird. Einige empfinden ihn als Symbol der Kolonialgeschichte und des europäischen Irrtums, der zur Grundlage ihrer Identifikation geworden ist.
Andererseits verwenden manche indigene Menschen und Organisationen in Nordamerika den Begriff „Indian“ selbst, etwa in der Bezeichnung „American Indian Movement“ (AIM), der wichtigsten politischen Bürgerrechtsbewegung der 1970er Jahre. Die Einstellung ist also nicht einheitlich. Was jedoch klar ist: Der spezifische Name des jeweiligen Volkes ist immer respektvoller als jede Sammelbezeichnung.
In Kanada hat sich der Begriff „First Nations“ für die nicht-inuitischen und nicht-metisischen indigenen Völker weitgehend durchgesetzt. In den USA wird „Native Americans“ oder „American Indians“ verwendet, wobei viele Angehörige den konkreten Stammes- oder Volksnamen bevorzugen. Die Vereinten Nationen empfehlen die Bezeichnung „indigene Völker“ in Kombination mit dem jeweiligen Eigennamen.
Alternative Bezeichnungen und ihre Geschichte
Der Begriff „Native American“ entstand in den USA während der politischen Bürgerrechtsbewegungen der 1960er und 1970er Jahre. Er sollte die Verbindung zum Land und die Ursprünglichkeit betonen, ohne den kolonialen Irrtum des „Indianer“-Begriffs zu übernehmen. Heute ist er in offiziellen US-amerikanischen Dokumenten und akademischen Texten weit verbreitet.
Allerdings ist auch „Native American“ nicht unumstritten. Kritiker weisen darauf hin, dass „American“ selbst eine Bezeichnung europäischen Ursprungs ist, abgeleitet vom florentinischen Seefahrer Amerigo Vespucci. Zudem suggeriert der Begriff eine Einheitlichkeit, die den vielfältigen Völkern nicht gerecht wird. Manche bevorzugen „Indigenous peoples“ oder auf Deutsch „indigene Völker“.
Im deutschen Akademischen Bereich wird zunehmend „indigene Völker Nordamerikas“ verwendet. Dieser Begriff ist neutral, respektiert die Verschiedenartigkeit der Gruppen und verweist nicht auf eine externe Fremdkategorisierung. Im Alltag ist er jedoch noch wenig verbreitet, was zeigt, wie langsam sich Sprachgewohnheiten verändern.
Die Geschichte hinter dem Begriff: Kolonialismus und Sprache
Die Geschichte des Begriffs „Indianer“ spiegelt die größere Geschichte des europäischen Kolonialismus wider. Als Kolumbus 1492 ankam, begannen Jahrhunderte der Unterwerfung, Vertreibung und Vernichtung indigener Völker. Schätzungen zufolge lebten vor der europäischen Kolonisierung zwischen 50 und 100 Millionen Menschen in Nord- und Südamerika. Durch Krankheiten, gegen die die einheimische Bevölkerung keine Immunität hatte, durch Kriege, Versklavung und die Zerstörung traditioneller Lebensweisen brach die Bevölkerung auf einen Bruchteil zusammen. Die Sprache, die die Kolonisatoren verwendeten, um die einheimischen Bevölkerungen zu benennen und zu kategorisieren, war Teil dieses Machtprozesses.
Fremdbezeichnungen hatten reale politische Konsequenzen. Die Kategorisierung als einheitliche Gruppe der „Indianer“ schuf eine homogene Masse, die leichter entrechtet und vertrieben werden konnte als tausend verschiedene, namentlich bekannte und anerkannte Völker. Die fehlende Differenzierung diente der Rechtfertigung kolonialer Politik: Wenn „die Indianer“ als primitive, rückständige Gruppe gelten, lassen sich Landnahme, Zwangsumsiedlungen und Kulturvernichtung einfacher legitimieren. Diese Politik der Enteignung und Zwangsassimilierung hinterließ in den Reservaten der USA und in den Residential Schools Kanadas, wo indigenen Kindern ihre Sprache und Kultur gewaltsam entzogen wurden, Wunden, die bis heute nachwirken.
Die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Indianer“ ist deshalb auch eine Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte und ihren Nachwirkungen. In Deutschland, das selbst eine Kolonialgeschichte hat (Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika und andere Kolonien), gewinnt dieses Thema im Rahmen der postkolonialen Debatte zunehmend an Aufmerksamkeit. Das Humboldt Forum in Berlin, das Sammlungen aus der Kolonialzeit beherbergt, diskutiert Rückgabe und angemessene Darstellung. Schulbücher werden überarbeitet, und in öffentlichen Debatten wird häufiger nach angemessenen Bezeichnungen und nach einer ehrlicheren Darstellung der Kolonialgeschichte gefragt.
Die Situation indigener Völker heute
Die indigenen Völker Nordamerikas kämpfen heute um politische Anerkennung, Landrechte und kulturelle Selbstbestimmung. In den USA haben die Stämme durch den Indian Self-Determination and Education Assistance Act von 1975 und weitere Gesetze mehr Eigenständigkeit gewonnen. Fragen um Hoheitsrechte über natürliche Ressourcen in Reservaten, medizinische Versorgung und wirtschaftliche Entwicklung bleiben zentrale politische Themen.
In Kanada hat die Wahrheits- und Versöhnungskommission zwischen 2008 und 2015 die Geschichte der Residential Schools dokumentiert und 94 Empfehlungen zur Versöhnung veröffentlicht. Seitdem ist das Bewusstsein für die Kolonialgeschichte und ihre Folgen deutlich gestiegen. Die Entdeckung der Überreste von mehr als 1.000 Kindern auf dem Gelände früherer Residential Schools im Jahr 2021 erschütterte die kanadische Öffentlichkeit und führte zu breiten gesellschaftlichen Debatten über Anerkennung, Entschuldigung und Wiedergutmachung.
Häufig gestellte Fragen
Warum ist der Begriff „Indianer“ problematisch?
Der Begriff „Indianer“ ist aus drei Gründen problematisch. Erstens basiert er auf einem historischen Irrtum: Kolumbus dachte, er sei in Indien angekommen, was er nicht war. Zweitens ist er eine Fremdbezeichnung, die ohne Beteiligung der betroffenen Menschen entstanden ist und von vielen von ihnen abgelehnt wird. Drittens suggeriert er eine falsche Einheitlichkeit bei einer extrem vielfältigen Gruppe von über tausend unterschiedlichen Völkern mit verschiedenen Sprachen und Kulturen.
Wie nennen sich die indigenen Völker Nordamerikas selbst?
Es gibt keine einheitliche Selbstbezeichnung, da die indigenen Völker keine homogene Gruppe sind. In Kanada hat sich „First Nations“ etabliert. In den USA verwenden viele die Bezeichnung „Native Americans“ oder „American Indians“. Am respektvollsten ist es, den konkreten Volksnamen zu verwenden, also zum Beispiel Lakota, Cherokee, Navajo, Haudenosaunee (Irokesen), Ojibwe oder Inuit. Diese Eigennamen spiegeln die tatsächliche Identität der Menschen wider.
Welche Begriffe sollte man im Deutschen verwenden?
Wer vermeiden möchte, eine möglicherweise als abwertend empfundene Bezeichnung zu verwenden, kann auf „indigene Völker Nordamerikas“ zurückgreifen. Noch besser ist es, den spezifischen Volksnamen zu nennen, soweit er bekannt ist. In akademischen und journalistischen Texten hat sich „Indigene“ oder „indigene Bevölkerung“ zunehmend etabliert. Im Alltag ist „Indianer“ noch verbreitet, doch das Bewusstsein für die Problematik des Begriffs wächst.
Verwendet man in den USA den Begriff „Indian“ überhaupt?
Ja, der Begriff „Indian“ oder „American Indian“ wird in den USA noch verwendet, auch von indigenen Menschen selbst. Das American Indian Movement (AIM), eine wichtige Bürgerrechtsbewegung der 1970er Jahre, trägt ihn im Namen. Staatliche Behörden wie das „Bureau of Indian Affairs“ verwenden ihn offiziell. Der Begriff ist also in den USA nicht so stark tabuisiert wie im deutschen Diskurs, wobei viele Indigene dennoch den spezifischen Stammesnamen bevorzugen.
Was hat Karl May mit dem Bild des „Indianers“ in Deutschland zu tun?
Karl May, der populäre deutsche Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, hat mit Figuren wie Winnetou ein romantisches, idealisiertes Bild der „Indianer“ in Deutschland geprägt. Dieses Bild zeigt edle Krieger in Federschmuck, die in einer heilen Natur leben – und hat mit der Realität der indigenen Völker wenig zu tun. Mays Bücher wurden millionenfach gelesen und prägen bis heute das Verständnis vieler Deutschen von indigenen Nordamerikanern als exotische, in der Vergangenheit gefangene Gruppe.
Gibt es eine einheitliche indigene Identität für alle Völker Amerikas?
Nein, eine einheitliche indigene Identität existiert nicht. Die sogenannten „Indianer“ Nordamerikas umfassen in den USA über 570 anerkannte Stämme und in Kanada über 615 First Nations, mit jeweils eigenen Sprachen, Kulturen, Religionen und Gesellschaftsformen. Die Gemeinsamkeit dieser Gruppen entstand hauptsächlich durch die koloniale Kategorisierung durch Europäer, nicht durch eine von den Völkern selbst gewählte gemeinsame Identität. Das macht jede Sammelbezeichnung per se unzureichend.
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