Warum kolonialisierte Großbritannien Australien? Die Gründe

Lila Hawthorne

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Warum kolonialisierte Großbritannien Australien? Entdecke die Gründe!
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Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2026

Als James Cook im Jahr 1770 die Ostküste des damals als Neu-Holland bekannten Kontinents kartierte und für die britische Krone in Besitz nahm, legte er den Grundstein für eine Kolonialisierung, die die Geschichte Australiens für immer verändern sollte. Achtzehn Jahre später, im Januar 1788, landete die sogenannte First Fleet mit über 700 Strafgefangenen und ihren Bewachern in der Botany Bay. Was trieb Großbritannien dazu, einen so weit entfernten Kontinent zu besiedeln?

Warum kolonialisierte Großbritannien Australien? Entdecke die Gründe!

Die Überfüllung der britischen Gefängnisse

Der unmittelbarste und praktischste Grund für die Kolonisierung Australiens war das britische Strafjustizsystem der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. England erlebte in dieser Zeit einen dramatischen Anstieg der Kriminalität, der in den wachsenden Industriestädten besonders ausgeprägt war. Die Gefängnisse waren hoffnungslos überfüllt. Als Notlösung hatte man alte, kaum seetüchtige Schiffe – die sogenannten Hulks – als schwimmende Gefängnisse eingesetzt, in denen die hygienischen Bedingungen katastrophal waren.

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts hatte Großbritannien das Problem dadurch gelöst, dass Strafgefangene in die nordamerikanischen Kolonien transportiert wurden. Zwischen 1717 und 1776 wurden auf diese Weise schätzungsweise 50.000 Verurteilte nach Amerika verschifft. Mit dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und der Gründung der Vereinigten Staaten 1776 entfiel diese Option abrupt. Amerika wollte keine britischen Strafgefangenen mehr aufnehmen, und Großbritannien stand vor einer ernsten logistischen Krise.

Der Bericht von James Matra, einem Begleiter Cooks, und später des Politikers Joseph Banks, der ebenfalls mit Cook gesegelt war, schlug die Botany Bay als idealen Standort für eine Strafkolonie vor. Das Klima galt als geeignet, das Land als fruchtbar und die geografische Abgelegenheit als Garant dafür, dass Gefangene nicht einfach fliehen könnten. Das britische Parlament genehmigte den Plan, und die Vorbereitungen für die First Fleet begannen.

Strategische und geopolitische Interessen

Hinter der praktischen Lösung des Gefängnisproblems verbargen sich handfeste geopolitische Interessen. Das späte 18. Jahrhundert war eine Zeit intensiver europäischer Konkurrenz um neue Territorien und Handelswege. Frankreich und Großbritannien rangen in mehreren Kontinenten um Einfluss – in Nordamerika, Indien und im Pazifik. Die britische Regierung wusste, dass die Franzosen ebenfalls Interesse am Pazifik zeigten und eigene Expeditionen in die Region entsandt hatten.

Die Gründung einer Kolonie in Australien war daher auch ein geopolitischer Schachzug. Wer zuerst eine dauerhafte Niederlassung errichtete, sicherte sich territoriale Ansprüche, die von anderen europäischen Mächten – zumindest nach damaligem Völkerrecht – respektiert werden mussten. Der britische Anspruch auf Australien sollte verhindern, dass Frankreich oder eine andere europäische Macht den Kontinent für sich beanspruchte.

Darüber hinaus bot Australien eine strategisch günstige Position zwischen dem Indischen und dem Pazifischen Ozean. Britische Marineschiffe, die zwischen Indien (damals unter East India Company-Kontrolle) und Ostasien operierten, konnten eine australische Kolonie als Versorgungsbasis nutzen. Frisches Wasser, Proviant und Reparaturmöglichkeiten auf halber Strecke zwischen Kapstadt und Kalkutta hatten erheblichen militärischen Wert.

Wirtschaftliche Hoffnungen und Rohstoffe

Auch wirtschaftliche Erwartungen spielten eine Rolle bei der Entscheidung zur Kolonisierung. Cook und seine Begleiter hatten während ihrer Reisen im Pazifik wichtige Rohstoffquellen identifiziert. Besonders Flachs und Holz – beides für den Schiffbau und die Marine unverzichtbar – schienen auf den Pazifikinseln und möglicherweise auch in Australien reichlich vorhanden zu sein.

Norfolk Island, eine kleine Insel im Pazifik, die kurz nach der Hauptkolonie besiedelt wurde, schien zunächst ideale Bedingungen für den Anbau von Schiffbauflachs zu bieten. Diese Hoffnung erwies sich später als Irrtum, aber das Interesse an strategischen Rohstoffen hatte die Expansionspolitik mitgeprägt. Zudem erhofften sich britische Kaufleute, dass eine australische Kolonie langfristig als Markt für britische Industriegüter dienen könnte.

In der Frühphase der Kolonie spielten wirtschaftliche Erwägungen jedoch eine eher untergeordnete Rolle. Die ersten Jahre waren geprägt von Überlebenskämpfen: Nahrungsmangel, Seuchen und der Aufbau grundlegender Infrastruktur stellten die Kolonisten vor enorme Herausforderungen. Erst mit der Entdeckung ertragreicher Weideflächen im Hinterland und dem Aufstieg der Schafzucht in den 1790er Jahren begann die Kolonie wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen.

Die First Fleet: Ankunft und Aufbau der Kolonie

Die First Fleet, ein Konvoi von elf Schiffen, verließ Portsmouth am 13. Mai 1787 unter dem Kommando von Captain Arthur Phillip. An Bord befanden sich 736 Strafgefangene (darunter 188 Frauen), dazu Marinesoldaten, Offiziere und eine kleine Gruppe freier Siedler. Die Reise dauerte über acht Monate und führte die Flotte um das Kap der Guten Hoffnung und durch den Indischen Ozean.

Am 18. Januar 1788 erreichte die Flotte die Botany Bay, den von Cook empfohlenen Zielort. Phillip stellte jedoch schnell fest, dass Botany Bay für eine dauerhafte Ansiedlung weniger geeignet war als erhofft: Der Boden war sandig, die Wasserversorgung unsicher und der Hafen für größere Schiffe schwierig. Er erkundete die nahe gelegene Port Jackson Bay und fand dort, was Cook nur von weitem gesehen hatte: einen der schönsten und sichersten Naturhäfen der Welt.

Am 26. Januar 1788 wurde die britische Flagge am Ufer des heutigen Sydney Cove gehisst und die Kolonie New South Wales offiziell ausgerufen. Dieses Datum ist bis heute der australische Nationalfeiertag – obwohl er in der gegenwärtigen politischen Debatte in Australien umstritten ist, da er für die Ureinwohner den Beginn von Enteignung und Vertreibung markiert.

Die Folgen für die Aborigines

Australien war bei der Ankunft der Europäer keineswegs unbewohnt. Schätzungen zufolge lebten zu diesem Zeitpunkt zwischen 300.000 und 750.000 Menschen auf dem Kontinent, verteilt auf mehr als 500 verschiedene indigene Gruppen mit eigenen Sprachen, Kulturen und Landnutzungsrechten. Die Vorstellung, Australien sei terra nullius gewesen – rechtlich gesehen niemandes Land – war eine juristische Fiktion, die britische Ansprüche legitimieren sollte, aber die Realität ignorierte.

Die Konsequenzen der Kolonisierung für die Ureinwohner waren verheerend. Europäische Krankheiten, gegen die die Aborigines keine Immunität besaßen, dezimierten die Bevölkerung in manchen Regionen innerhalb weniger Jahre um bis zu 90 Prozent. Pocken, Masern und Grippe verbreiteten sich schneller als die Kolonisten selbst. Hinzu kamen gewaltsame Konflikte um Land und Ressourcen sowie die systematische Verdrängung der Aborigines von ihren angestammten Territorien.

Die britische Krone erklärte Australien formal zu ihrem Besitz, ohne die indigene Bevölkerung zu konsultieren oder ihr Land zu kaufen. Dies unterschied die Australien-Kolonialisierung von manchen anderen kolonialen Projekten, bei denen zumindest formal Verträge geschlossen wurden. Das australische Rechtssystem erkannte Landrechte der Aborigines erst 1992 im sogenannten Mabo-Urteil an – gut 200 Jahre nach der Gründung der Kolonie.

Von der Strafkolonie zur Einwanderungsgesellschaft

In den Jahrzehnten nach 1788 veränderte sich das Gesicht der australischen Kolonie erheblich. Neben den Strafgefangenen kamen zunehmend freie Siedler, die von billigem Land und neuen Chancen angelockt wurden. Die Entdeckung von Gold im Jahr 1851 in Victoria löste den australischen Goldrausch aus und brachte innerhalb weniger Jahre Hunderttausende von Einwanderern aus aller Welt – darunter aus Europa, Amerika und China.

Der Transport von Strafgefangenen nach Australien endete schrittweise: nach Ostaustralien 1840, nach Südaustralien war er nie praktiziert worden, nach Westaustralien bis 1868. Insgesamt wurden zwischen 1788 und 1868 rund 162.000 Strafgefangene nach Australien transportiert. Viele ihrer Nachkommen zählen heute zu den ältesten europäischstämmigen Familien des Landes.

1901 schlossen sich die sechs australischen Kolonien zur Australischen Bundesrepublik zusammen. Das Dominion of Australia war formell weiterhin Teil des Britischen Empires, besaß aber weitgehende innere Selbstverwaltung. Die britische Kolonisierung hatte damit in gut einem Jahrhundert aus einem fernen Gefängnisstandort eine eigenständige Nation geformt.

Das britische Rechtssystem und seine Auswirkungen

Die britische Kolonisierung brachte ein vollständiges Rechtssystem nach Australien, das auf dem englischen Common Law basierte. Dieses Rechtssystem wurde als einheitliches Fundament für alle Kolonien eingeführt und bildete die Grundlage für den späteren australischen Rechtsstaat. Besonders wichtig war die Einführung von Geschworenenprozessen und einer unabhängigen Justiz, die auch in der Frühphase der Kolonie Konflikte zwischen freien Bürgern, früheren Strafgefangenen und Verwaltungsbeamten regelte.

Das britische System des Landrechts hatte tiefgreifende Konsequenzen für die Verteilung des australischen Landes. Das Kronland wurde in Pachtgebiete aufgeteilt und an Siedler vergeben. Große Schaffarmer – die sogenannten Squatters – besetzten riesige Landstriche im Hinterland und nutzten diese als Weideland. Die Auseinandersetzungen um Landrechte zwischen kleinen Bauern, Großbauern und der Kolonialverwaltung prägten die politische Geschichte Australiens im 19. Jahrhundert erheblich.

Die politische Selbstverwaltung entwickelte sich schneller als in vielen anderen britischen Kolonien. Bereits in den 1850er Jahren erhielten die australischen Kolonien gewählte Parlamente und umfassende innere Autonomie. Australien führte 1856 als erstes Land der Welt die geheime Abstimmung bei Wahlen ein – ein Prinzip, das international als „Australische Abstimmung“ bekannt wurde und später in vielen Demokratien übernommen wurde.

Trotz aller formalen Gleichheit des Rechtssystems blieben die Aborigines über Jahrzehnte praktisch rechtlos. Sie erhielten erst 1967 durch ein Volksreferendum die volle australische Staatsbürgerschaft – fast 180 Jahre nach der Gründung der ersten Kolonie. Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes ist in Australien bis heute ein zentrales politisches Thema, das Debatten über Entschädigungen, Landrechte und den Australien-Tag (26. Januar) einschließt.

Die formelle Entschuldigung der australischen Regierung gegenüber den Aborigines erfolgte erst im Februar 2008, als Premierminister Kevin Rudd vor dem Parlament „Sorry“ sagte und sich für das Unrecht der sogenannten „Gestohlenen Generationen“ entschuldigte. Als Gestohlene Generationen werden jene Generationen indigener Kinder bezeichnet, die vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre zwangsweise von ihren Familien getrennt und in staatliche Erziehungsheime oder weiße Pflegefamilien gebracht wurden – eine Politik, die offiziell auf Assimilation abzielte, aber faktisch kulturelle Auslöschung betrieb. Die Kolonisierung von 1788 warf damit einen sehr langen Schatten auf die australische Gesellschaft des 20. und 21. Jahrhunderts.

Häufig gestellte Fragen

Warum wählte Großbritannien ausgerechnet Australien für eine Strafkolonie?

Australien bot aus britischer Sicht mehrere Vorteile: Die extreme geografische Abgelegenheit machte Flucht fast unmöglich. Cooks Berichte hatten das Land als potentiell fruchtbar beschrieben. Zudem gab es nach dem Verlust der amerikanischen Kolonien keine nahe liegende Alternative, und eine australische Kolonie bot gleichzeitig geopolitische Vorteile gegen die französische Konkurrenz im Pazifik.

Was war die First Fleet und wen hatte sie an Bord?

Die First Fleet war ein Konvoi von elf Schiffen, der am 13. Mai 1787 Portsmouth verließ und am 26. Januar 1788 in Port Jackson ankam. An Bord befanden sich rund 736 Strafgefangene, dazu Marinesoldaten, Offiziere, freie Siedler und Besatzungsmitglieder – insgesamt über 1.400 Menschen. Unter dem Kommando von Captain Arthur Phillip gründete die Flotte die erste europäische Siedlung in Australien.

Welche Rolle spielte der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg für die Australien-Kolonialisierung?

Eine entscheidende. Vor 1776 wurden britische Strafgefangene regelmäßig in die nordamerikanischen Kolonien transportiert – rund 50.000 zwischen 1717 und 1776. Mit der amerikanischen Unabhängigkeit entfiel diese Möglichkeit. Die Überfüllung der britischen Gefängnisse zwang die Regierung zur Suche nach einem neuen Bestimmungsort, und Australien bot sich als einzige praktikable Alternative an.

Wie viele Menschen lebten in Australien vor der britischen Kolonisierung?

Schätzungen variieren zwischen 300.000 und 750.000 Ureinwohnern, verteilt auf mehr als 500 verschiedene indigene Gruppen. Diese hatten den Kontinent seit mindestens 50.000 Jahren bewohnt und verfügten über komplexe Sprachen, Kulturen und Landnutzungssysteme. Die britische Kolonisierung hatte für diese Bevölkerungen katastrophale Folgen durch Krankheiten, Vertreibung und Gewalt.

Wann endete der Transport von Strafgefangenen nach Australien?

Der Transport von Strafgefangenen endete schrittweise: In die östlichen Kolonien (New South Wales) wurde er 1840 eingestellt. Western Australia empfing als letzte Kolonie bis 1868 noch Strafgefangene. Insgesamt wurden zwischen 1788 und 1868 etwa 162.000 verurteilte Personen nach Australien deportiert.

Was bedeutete der Begriff terra nullius für die Australien-Kolonialisierung?

Terra nullius (lateinisch: „Niemandsland“) war die rechtliche Theorie, mit der Großbritannien seinen Anspruch auf Australien legitimierte. Man behauptete, das Land gehöre niemandem und könne daher ohne Verträge oder Entschädigungen in Besitz genommen werden. Diese Fiktion ignorierte die jahrhundertelange Präsenz der Aborigines und wurde erst 1992 durch das australische Mabo-Urteil des High Court rechtlich zurückgewiesen.

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