Borneo ist die drittgrößte Insel der Welt und eine der wenigen, die von gleich drei verschiedenen Staaten geteilt werden. Malaysia kontrolliert den Norden, Indonesien den weitaus größten Teil im Süden, und das winzige Sultanat Brunei hält ein kleines Stück der Nordküste. Diese Aufteilung erscheint auf den ersten Blick willkürlich, hat aber tiefe historische Wurzeln, die bis in die Blütezeit des Sultanats Brunei, die niederländische und britische Kolonisierung und schließlich in die postkoloniale Staatsgründung nach dem Zweiten Weltkrieg zurückreichen. Die Geschichte Borneos ist eine Geschichte von Sultanaten, Abenteurern, Kolonialmächten und schließlich unabhängigen Nationen – jede von ihnen hat ihre Spuren in der heutigen politischen Landkarte hinterlassen.
Die geografische Aufteilung Borneos heute
Borneo hat eine Gesamtfläche von rund 743.000 Quadratkilometern – größer als Frankreich und Deutschland zusammen. Damit ist sie nach Grönland und Neuguinea die drittgrößte Insel der Welt. Dieses riesige Territorium ist heute folgendermaßen aufgeteilt:
- Indonesien kontrolliert mit Kalimantan den bei weitem größten Teil – rund 73 Prozent der Inselfläche. Kalimantan ist in fünf Provinzen aufgeteilt: Nordkalimantan, Ostkalimantan, Westkalimantan, Südkalimantan und Zentralkalimantan.
- Malaysia hält mit den Bundesstaaten Sabah im Nordosten und Sarawak im Nordwesten rund 26 Prozent der Insel. Beide Bundesstaaten werden durch das Sultanat Brunei voneinander getrennt.
- Brunei Darussalam belegt als kleines aber sehr wohlhabendes Sultanat nur etwa 1 Prozent der Inselfläche an der Nordküste, ist aber vollständig von malaysischem Territorium umgeben und hat keinen Landkorridor zum Rest Borneos.
Die Grenzen zwischen diesen drei Teilen sind nicht zufällig entstanden. Sie spiegeln die kolonialen Machtbereiche Großbritanniens und der Niederlande wider, die sich auf der Insel gegenüberstanden und ihre Interessen im 19. und frühen 20. Jahrhundert in einer Reihe von Verträgen absteckten.
Die Vorkoloniale Zeit: Das Sultanat Brunei und die Dayak-Völker
Bevor europäische Mächte Borneo in ihren Einflussbereich zogen, war die Insel von einer Vielzahl kleiner Königreiche, Stammesgebiete und Sultanate geprägt. Das bei weitem mächtigste unter ihnen war das Sultanat Brunei, das vom 15. bis ins 17. Jahrhundert nahezu die gesamte Insel Borneo sowie Teile der heutigen Philippinen beherrschte. Brunei war ein bedeutender Knotenpunkt im asiatischen Gewürzhandel und pflegte ausgedehnte Handelsbeziehungen mit China, Java und dem malaiischen Archipel. Pfeffer, Kampfer und andere begehrte Güter aus dem Inneren Borneos wurden über Bruneier Händler in die globalen Handelsnetzwerke eingespeist.
Im Landesinneren lebten und leben bis heute diverse Völker der Dayak – ein Sammelname für die verschiedenen indigenen Ethnien Borneos, darunter Iban, Kadazan-Dusun, Kenyah, Kayan und viele andere. Diese Gemeinschaften betrieben Landwirtschaft im Wanderfeldbau-System (Brandrodungsfeldbau), jagten im Regenwald und lebten in sogenannten Langhäusern, die ganze Dorfgemeinschaften unter einem Dach beherbergten. Der Einfluss der Küstensultanate auf das Innere der Insel war begrenzt; die Dayak hatten ihre eigenen sozialen Strukturen und religiösen Traditionen, die sich deutlich von der islamischen Küstenkultur unterschieden.
Ab dem 15. Jahrhundert begann der Islam, sich von der Küste ins Landesinnere auszubreiten, doch viele Dayak-Völker behielten ihre Traditionen oder nahmen erst viel später das Christentum an, das mit den europäischen Missionaren in die Region kam.
Die europäische Kolonisierung und der Vertrag von 1824
Die ersten Europäer, die Borneo erreichten, waren Portugiesen und Spanier im 16. Jahrhundert. Doch der eigentliche Wettlauf um die Kontrolle über die Insel begann im 17. und 18. Jahrhundert zwischen den Niederlanden und Großbritannien.
Der entscheidende Wendepunkt für die spätere politische Teilung Borneos war der Vertrag von London aus dem Jahr 1824. In diesem Abkommen einigten sich Großbritannien und die Niederlande auf Einflusssphären im südostasiatischen Raum. Die Niederländer erhielten weitgehende Kontrolle über die Gebiete südlich der Straße von Singapur – das war die Grundlage für das heutige Indonesien. Die Briten sicherten ihren Einfluss auf der malaiischen Halbinsel und behielten die Möglichkeit, im nördlichen Teil Borneos aktiv zu werden.
Für Borneo bedeutete dies konkret: Der südliche und weitaus größere Teil der Insel fiel in die niederländische Einflusszone und wurde zu Niederländisch-Borneo, dem direkten Vorläufer des heutigen Kalimantan. Der Norden der Insel verblieb zunächst unter dem nominellen Einfluss des geschwächten Sultanats Brunei, was den britischen Ambitionen in der Region entsprach.
James Brooke und das Raj of Sarawak
Eine der faszinierendsten und eigenwilligsten Episoden in der Geschichte Borneos ist die Entstehung des sogenannten Raj of Sarawak – ein weißer Herrscher über ein asiatisches Sultanat. Im Jahr 1841 stand das Sultanat Brunei vor einem Aufstand von Dayak-Stammesführern gegen die zentralistische Bruneier Herrschaft. Der britische Abenteurer und Offizier James Brooke, der mit einem gutausgestatteten Privatschiff in der Region unterwegs war, bot dem Sultan von Brunei militärische Hilfe an – und half tatsächlich, den Aufstand niederzuschlagen.
Als Belohnung erhielt James Brooke 1841 das Gebiet von Sarawak zur Verwaltung übertragen. Er wurde damit zum „Weißen Raja“ von Sarawak, dem einzigen weißen Herrscher über ein asiatisches Territorium außerhalb des formalen Kolonialsystems. Brooke und seine Nachkommen, bekannt als die Brooke-Dynastie (auch „White Rajas“), regierten Sarawak fast einhundert Jahre lang, bis 1946, und wandelten das Gebiet schrittweise in ein faktisch britisches Protektorat um.
Während dieser Zeit expandierte Sarawak stetig auf Kosten des Sultanats Brunei. Immer neue Gebiete wurden durch Verhandlungen, Druck oder militärische Aktionen vom Sultanat abgelöst und dem Raj of Sarawak eingegliedert. Brunei, das ursprünglich fast die gesamte Insel beherrscht hatte, verlor durch diese Erosion den Großteil seines Territoriums. Was blieb, war das kleine Sultanat an der Nordküste – eingeklemmt und aufgeteilt durch Sarawak.
British North Borneo: Die Entstehung des heutigen Sabah
Parallel zu den Entwicklungen in Sarawak entstand im Nordosten Borneos ein weiteres britisch dominiertes Territorium, das heute als Sabah bekannt ist. Der nominelle Oberherr über Teile Nordostborneos war das Sultanat Sulu auf den heutigen Philippinen, das seit Jahrhunderten Handelsbeziehungen mit den Nordküstenstämmen pflegte.
1878 überlies der Sultan von Sulu dieses Gebiet (unter bis heute umstrittenen Umständen – es ist unklar, ob es sich um eine dauerhafte Abtretung oder eine Art langfristige Pacht handelte) an Vertreter eines österreichischen und später britischen Handelsunternehmens. 1881 übernahm die British North Borneo Chartered Company die Kontrolle über das Gebiet unter einer königlichen Konzession der britischen Krone und begann, es systematisch zu erschließen. Das Territorium wurde „British North Borneo“ genannt.
Die Chartered Company verwaltete das Gebiet bis zum Zweiten Weltkrieg und betrieb in großem Umfang Tabak- und Kautschukplantagen, die Arbeiter aus China und anderen Teilen Asiens anzogen und die demografische Zusammensetzung der Region nachhaltig veränderten. Im Zweiten Weltkrieg wurden ganz Borneo von japanischen Truppen besetzt, was erhebliche Verwüstungen und Leiden für die einheimische Bevölkerung mit sich brachte. Nach der japanischen Kapitulation 1945 übernahmen die Briten sowohl Sarawak als auch British North Borneo und wandelten sie 1946 in formale Kronkolonien um.
Dekolonialisierung: Sabah und Sarawak in Malaysia
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte in Asien eine breite Welle der Dekolonialisierung ein. Niederländisch-Borneo, also der südliche Teil der Insel, wurde 1949 an die neu gegründete Republik Indonesien übergeben. Mit der Unabhängigkeitserklärung Indonesiens unter Sukarno 1945 und der niederländischen Anerkennung 1949 wurde Kalimantan ein Teil des größten Inselstaates der Welt.
Komplizierter verlief die Entwicklung im Norden. Als Großbritannien in den frühen 1960er Jahren seine Kolonien in der Region in die Unabhängigkeit entlassen wollte, stand die Frage im Raum, ob Sabah und Sarawak als eigenständige Staaten unabhängig werden oder sich einem größeren Staatenbund anschließen sollten. Nach langen Verhandlungen und einer UN-Befragung der Bevölkerung entschieden beide Gebiete sich 1963 für den Beitritt zur neu gegründeten Malaysischen Förderation, zusammen mit der malaiischen Halbinsel und Singapur (das 1965 austrat).
Diese Entwicklung löste einen bewaffneten Konflikt aus: Indonesiens Präsident Sukarno lehnte die Entstehung Malaysias als „neokolonialen“ Staat ab und begann den sogenannten Konfrontasi (Konfrontation), einen Guerillakrieg von 1963 bis 1966, bei dem indonesische Truppen in die malaysischen Teile Borneos eindrangen. Mit dem Sturz Sukarnos und dem Machtantritt von General Suharto 1966 wurde der Konflikt beigelegt. Indonesien erkannte Malaysia offiziell an – und damit auch die Grenzen auf Borneo.
Brunei: Der Sonderweg in die Unabhängigkeit
Das Sultanat Brunei schlug einen völlig eigenen Weg ein und entschied sich gegen einen Beitritt zur Malaysischen Förderation. Diese Entscheidung wurde durch mehrere Faktoren beeinflusst: Brunei hatte zu diesem Zeitpunkt bereits bedeutende Erdöl- und Erdgasvorkommen entdeckt, die erheblichen Reichtum versprachen. Sultan Omar Ali Saifuddien III. wollte diesen Reichtum nicht in einem gemeinsamen Staatenbund teilen und seine eigene absolute Herrschaft nicht durch parlamentarische Strukturen einschränken lassen. Auch der Aufstand von 1962 (der „Brunei Revolt“), der von Kräften ausgelöst wurde, die eine Vereinigung mit Malaysia ablehnten, spielte eine Rolle.
Brunei blieb britisches Protektorat und erlangte erst am 1. Januar 1984 die vollständige staatliche Unabhängigkeit – als einer der letzten Staaten Südostasiens. Heute ist das kleine Sultanat mit seinen rund 450.000 Einwohnern eines der reichsten Länder der Welt pro Einwohner. Die Erdöl- und Erdgaseinnahmen ermöglichen dem Sultan eine nahzu absolute Herrschaft und der Bevölkerung einen hohen Lebensstandard mit kostenlosen Bildungs- und Gesundheitsleistungen sowie sehr niedrigen Steuern.
Kalimantan als neue Hauptstadt Indonesiens
In jüngerer Zeit hat Borneo internationale Aufmerksamkeit erhalten durch Indonesiens Entscheidung, die überfüllte, von chronischen Überschwemmungen und Bodenabsenkungen bedrohte Hauptstadt Jakarta auf die Insel Java zu verlegen. Seit 2022 wird in Ostkalimantan die neue Hauptstadt Nusantara gebaut. Das Projekt ist mit enormen Kosten verbunden (geschätzt 32 Milliarden US-Dollar) und soll Indonesiens Wirtschafts- und Bevölkerungsschwerpunkt langfristig aus Java heraus und in das weniger besiedelte Kalimantan verlagern. Damit rückt der bisher eher wenig beachtete indonesische Teil Borneos in den Mittelpunkt nationaler Entwicklungspolitik.
Neben der Hauptstadtverlagerung sorgt Borneo auch wegen seiner Umwelt weltweit für Aufsehen. Die Insel beherbergt einen der artenreichsten Regenwälder der Erde, der jedoch durch Palmölplantagen, illegale Abholzung und Bergbau dramatisch schwindet. Borneo ist die letzte Heimat des Borneo-Orang-Utans, des Zwergelefanten und zahlloser weiterer bedrohter Tierarten – ein Grund, warum Naturschutzorganisationen die Entwicklung auf der Insel mit Sorge beobachten.
Häufig gestellte Fragen
Warum ist Borneo auf drei Länder aufgeteilt?
Die Aufteilung Borneos geht auf die Kolonialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zurück. Im britisch-niederländischen Vertrag von 1824 teilten die beiden Kolonialmächte ihre Einflusssphären in Südostasien auf. Der Norden Borneos fiel an die Briten (heutiges Malaysia), der Süden an die Niederlande (heutiges Indonesien). Brunei blieb als britisches Protektorat erhalten und wurde 1984 unabhängig.
Welcher Teil Borneos gehört zu Indonesien?
Der mit Abstand größte Teil Borneos – rund 73 Prozent der Inselfläche – gehört zu Indonesien und wird als Kalimantan bezeichnet. Kalimantan ist in fünf Provinzen gegliedert: Nord-, Ost-, West-, Süd- und Zentralkalimantan. In Ostkalimantan entsteht derzeit die neue indonesische Hauptstadt Nusantara.
Warum ist Brunei so klein geblieben?
Das Sultanat Brunei verlor im Laufe des 19. Jahrhunderts durch schrittweise Gebietsabtretungen an die Brooke-Dynastie in Sarawak und die britische North Borneo Company (Sabah) den Großteil seines einst riesigen Reiches. Was übrig blieb, war das heutige kleine Territorium an der Nordküste – eingeschlossen von malaysischem Gebiet, aber reich an Erdöl.
Wann wurde die heutige Teilung Borneos endgültig festgelegt?
Die heutigen Grenzen wurden schrittweise festgelegt: Der niederländisch-britische Vertrag von 1824 legte die grundsätzliche Aufteilung fest. Kalimantan gehört seit 1949 zu Indonesien, Sabah und Sarawak seit 1963 zu Malaysia. Brunei wurde 1984 unabhängig. Die genaue Grenzziehung wurde in verschiedenen Verträgen und Abkommen festgelegt und teilweise bis in die jüngere Vergangenheit diskutiert.
Gibt es noch heute Streit über die Grenzen auf Borneo?
Ja, die Frage wem Sabah gehört, ist bis heute nicht vollständig gelöst. Die Philippinen beanspruchen historische Rechte auf Sabah, abgeleitet aus dem Verhältnis des Sultanats Sulu zu dem Gebiet. Malaysia erkennt diesen Anspruch nicht an. Zwischen Malaysia und Indonesien wurden Grenzfragen weitgehend diplomatisch gelöst, doch kleinere Spannungen tauchen gelegentlich auf.
Welche Bedeutung hat Borneo für den Umweltschutz?
Borneo beherbergt einen der artenreichsten Regenwälder der Erde und ist Heimat von bedrohten Arten wie dem Borneo-Orang-Utan, dem Zwerg-Elefanten und dem Nebelparder. Durch Abholzung für Palmölplantagen, Holzeinschlag und Bergbau hat die Insel in den letzten Jahrzehnten große Teile ihres Waldbestandes verloren. Internationale Naturschutzorganisationen arbeiten mit den drei Ländern zusammen, um die verbleibenden Regenwälder zu schützen.





