Ein Einsiedler – auch Eremit, Klausner oder Anachoret genannt – ist ein Mensch, der abseits der Gesellschaft in Stille und Zurückgezogenheit lebt. Diese Lebensform hat eine jahrtausendealte Geschichte und ist bis heute eine anerkannte Form des geweihten Lebens in der katholischen Kirche. Wer ein Einsiedler ist und welche Aufgaben er trägt, lässt sich nicht in einem einzigen Satz fassen: Die Bandbreite reicht von mittelalterlichen Wüstenvätern bis hin zu modernen Eremiten, die in deutschen Diözesen ihren Dienst tun. Dabei ist das Einsiedlertum weit mehr als ein historisches Phänomen – es erlebt gerade in unserer Zeit, geprägt von digitalem Lärm und permanenter Erreichbarkeit, eine bemerkenswerte Renaissance.
Die Geschichte des Einsiedlertums
Die Wurzeln des christlichen Einsiedlertums liegen im dritten und vierten Jahrhundert in den Wüsten Ägyptens und Syriens. Männer wie Antonius der Große (251-356 n. Chr.) zogen sich in die Einöde zurück, um in radikaler Armut und Gebet zu leben. Diese frühen Wüstenväter, auf Griechisch „Anachoreten“ (Zurückgezogene), legten den Grundstein für das spätere Mönchstum. Ihre Lebensweisheiten, gesammelt in den sogenannten „Apophthegmata Patrum“ (Aussprüche der Väter), werden bis heute in monastischen Gemeinschaften gelesen und meditiert.
Dem ägyptischen Einsiedlertum folgten bald Gemeinschaftsformen: Pachomius von Theben (ca. 292-348) gründete das erste Zönobitentum, also das Klosterleben in der Gemeinschaft. Doch parallel dazu blieb die eremitische Tradition lebendig. Es entstand ein Spannungsverhältnis zwischen dem Einsiedler, der allein lebt, und dem Mönch in der Gemeinschaft – ein Gegensatz, der die Geschichte des Ordenswesens bis heute prägt.
Im Mittelalter breitete sich das Einsiedlertum in ganz Europa aus. Einsiedler lebten in Höhlen, kleinen Zellen an Kirchenwänden (daher „Klausner“) oder in Waldhütten. Viele von ihnen wurden als Heilige verehrt, darunter der heilige Beatus in der Schweiz, der heilige Meinrad im Schwarzwald und Einsiedeln, oder der heilige Godric von Finchale in England. In Deutschland erinnern zahlreiche Ortsnamen noch heute an ehemalige Einsiedeleien: Einsiedel, Klause, Eremitage.
Die Reformation Luthers und Calvins im 16. Jahrhundert führte zu einer starken Zurückdrängung des Einsiedlertums in protestantischen Gebieten. Das Ideal der Einsamkeit und Askese wurde von den Reformatoren als Werkheiligkeit abgelehnt. In den verbliebenen katholischen Regionen blieb das Einsiedlertum hingegen lebendig, wenn auch in ruhigeren Formen. Im 17. und 18. Jahrhundert errichteten Fürsten und Adlige sogenannte Eremitagen in ihren Gartenanlagen – kleine Häuschen, in denen bezahlte „Einsiedler“ als dekorative Attraktion leben sollten. Diese Modeeremiten hatten mit der echten geistlichen Tradition nur noch wenig gemein.
Mit der Aufklärung und den politischen Umbrüchen des 19. Jahrhunderts geriet das authentische Einsiedlertum in Mitteleuropa fast ganz in den Hintergrund. Doch seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) und besonders seit der Kodifikation des Kirchenrechts 1983 erlebt das Einsiedlertum eine bemerkenswerte Renaissance.
Die kirchenrechtliche Grundlage: Kanon 603
Ein entscheidender Meilenstein war das Jahr 1983, als die katholische Kirche mit dem neuen Codex Iuris Canonici (CIC) das Einsiedlertum als eigenständige Form des geweihten Lebens anerkannte. Kanon 603 des CIC lautet sinngemäß: Neben Eremiten, die Mitglieder religiöser Institute sind, erkennt das kirchliche Recht auch Diözesaneremiten an, die unter Leitung ihres Bischofs leben. Damit wurde eine jahrtausendealte Praxis erstmals systematisch in das katholische Kirchenrecht integriert.
Für die Anerkennung als Diözesaneremit gelten strenge Voraussetzungen. Der Kandidat muss ein ausgereiftes geistliches Leben nachweisen, das er in der Regel bereits mehrere Jahre lang in einer mehr oder weniger zurückgezogenen Form gelebt hat. Der zuständige Bischof oder eine von ihm beauftragte Person prüft die Eignung sorgfältig und legt die persönliche Lebensregel fest, nach der der Eremit zu leben hat. Diese Regel umfasst konkrete Angaben zu Gebet, Buße, einfachem Lebensstil und dem Verzicht auf gesellschaftliche Aktivitäten, die mit dem eremitischen Charakter unvereinbar wären.
Durch die bischöfliche Profess legt der Eremit die drei evangelischen Räte ab: Armut, Keuschheit und Gehorsam. Er unterstellt sich damit der Autorität des Bischofs und übernimmt die Verpflichtung, die vereinbarte Lebensregel einzuhalten. Der Bischof kann bei schwerwiegenden Verstößen die Anerkennung auch wieder entziehen – ein starkes Band der Rechenschaftspflicht, das das eremitische Leben aus reiner Beliebigkeit heraushebt.
Wichtig ist: Nicht jeder, der allein und zurückgezogen lebt, gilt kirchenrechtlich als Eremit. Die offizielle Anerkennung durch den Bischof ist das entscheidende Merkmal des Diözesaneremiten. Daneben gibt es Menschen, die eine eremitische Lebensweise auf informelle Weise praktizieren, ohne kirchliche Weihe. Sie sind keine Einsiedler im kirchenrechtlichen Sinne, mögen aber innerlich ähnliche Wege gehen.
Die Aufgaben eines Einsiedlers
Die zentrale Aufgabe eines Einsiedlers ist das Gebet für das Heil der Welt. Kanon 603 beschreibt dies präzise: Die Einsiedler „weihen ihr Leben dem Lob Gottes und der Errettung der Welt durch eine strengere Trennung von der Welt, das Schweigen der Einsamkeit und das eifrige Gebet und die Buße.“ Diese Formulierung macht deutlich, dass Einsiedler keineswegs nutzlose Weltflüchter sind – sie üben einen Dienst an der Gesellschaft aus, der sich im Verborgenen vollzieht, aber nach dem Verständnis der Kirche reale Wirkung hat.
Konkret übernehmen viele Einsiedler in Deutschland auch praktische Aufgaben, die über das persönliche Gebet hinausgehen. Besonders an Wallfahrtsorten sind Eremiten tätig: Sie pflegen die Kapelle, empfangen Pilger, bieten Gespräche an und sind Ansprechpartner für Suchende und Ratsuchende. Pater Norbert Cuypers, ein Eremit an einem Wallfahrtsort im Sauerland in Nordrhein-Westfalen, der seit 2020 dort lebt, berichtet, dass er täglich von Menschen aufgesucht wird, die das Gespräch, die Stille oder einen Moment der Einkehr suchen. Das Bistum zahlt ihm dafür eine kleine Aufwandsentschädigung, die seinen bescheidenen Lebensunterhalt mitträgt.
Weitere typische Aufgaben von Einsiedlern umfassen:
- Tägliches Stundengebet (Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet) und Messfeier (soweit möglich)
- Geistliche Begleitung und Gespräch mit Besuchern und Ratsuchenden
- Pflege und Erhaltung der Einsiedelei und einer etwaigen Kapelle
- Handwerkliche oder künstlerische Tätigkeiten zur Sicherung des Lebensunterhalts
- Verfassen spiritueller Texte, Briefe oder Meditationen
- Lectio divina: geistliche Lesung und Meditation der Heiligen Schrift
- Fürbittengebet für konkrete Anliegen, die von Besuchern hinterlassen werden
Die Aufgabe des Einsiedlers ist damit sowohl nach innen (Kontemplation, Gebet, persönliche Heiligung) als auch nach außen gerichtet (Empfang von Besuchern, geistliche Begleitung, Fürsprache). Beides gehört untrennbar zusammen: Die innere Tiefe, die in der Stille gewonnen wird, ist die Grundlage für den Dienst an den Menschen, die den Weg zur Einsiedelei suchen.
Der Alltag in der Einsiedelei
Das tägliche Leben eines Einsiedlers ist durch eine feste Struktur geprägt. Ohne äußere Tagesstruktur wie Arbeitszeiten, Mahlzeiten mit anderen oder Sozialkontakte droht die Einsamkeit zu einer Belastung statt einer Stärke zu werden. Deshalb ist die Tagzeitenliturgie, also das rhythmische Stundengebet zu festen Zeiten am Tag, das Rückgrat des eremitischen Alltags. Sie gibt dem Tag eine Form und verankert jede Tätigkeit im Gebet.
Der Morgen beginnt in der Regel mit der Laudes (Morgengebet), gefolgt von einer Zeit der stillen Meditation und Schriftlesung (Lectio divina). Die „Heilige Lesung“ ist keine akademische Lektüre, sondern ein langsames, aufmerksames Hören auf den Text, das Verweilen bei einzelnen Sätzen und das Einlassen auf das, was sich zeigt. Diese Praxis hat tiefe Wurzeln in der Tradition und ist noch heute das Herzstück des kontemplativen Lebens.
Handwerkliche Arbeit, Gartenpflege oder andere körperliche Tätigkeiten nehmen einen weiteren Teil des Tages ein. Die Kirche betont bewusst, dass körperliche Arbeit zum gesunden eremitischen Leben gehört – eine Tradition, die bis zu den Wüstenvätern zurückreicht, die Körbe flochten und Matten webten. Körperliche Arbeit erdet, strukturiert den Tag und sichert den Lebensunterhalt. Sie schützt auch vor dem Abgleiten in Grübelei und innere Leere, die in der Einsamkeit drohende Gefahren sind.
Moderne Einsiedler leben in der Regel ohne Fernseher und Radio. Viele nutzen jedoch ein einfaches WLAN – etwa um mit dem Bischof in Kontakt zu bleiben, geistliche Literatur zu lesen oder in begründeten Fällen E-Mails zu empfangen. Luxus ist bewusst ausgespart. Die Einsiedelei bietet das Notwendigste: ein einfaches Bett, eine Küchenzeile, eine Gebetsstätte, bei Bedarf einen Empfangsraum für Besucher.
Die Ernährung ist einfach und in der Regel vegetarisch oder sogar vegan. Viele Einsiedler bauen einen Teil ihrer Nahrung selbst an oder beziehen Lebensmittel von regionalen Bauernhöfen. Fasten ist ein wichtiger Bestandteil des eremitischen Lebens – nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zur inneren Freiheit und Achtsamkeit.
Einsiedler in Deutschland: Wo und wie viele?
Die genaue Zahl der Einsiedler in Deutschland ist schwer zu ermitteln, da nicht alle offiziell anerkannt sind und die Bistümer unterschiedlich transparent mit diesem Thema umgehen. Schätzungen gehen davon aus, dass es in Deutschland zwischen 20 und 50 offiziell anerkannte Diözesaneremiten gibt, dazu eine unbekannte Zahl informell lebender Rückzügler. Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Arbeitshilfe „Eremitisches Leben im deutschsprachigen Raum“ herausgegeben und damit signalisiert, dass das Thema innerhalb der Kirche ernst genommen wird.
Einsiedeleien finden sich in Deutschland vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, also in den traditionell stark katholisch geprägten Regionen. Einige bekannte Beispiele sind die Klause bei Kastel-Staadt an der Saar, die Einsiedelei auf dem Falkenstein in Bayern und verschiedene Wallfahrtskapellen im Allgäu und Sauerland, an denen heute noch Einsiedler wirken.
Nicht kirchlich gebundene Menschen, die allein und zurückgezogen leben – etwa in Waldcamps oder auf abgelegenen Höfen – werden im Volksmund ebenfalls als Einsiedler bezeichnet. Diese „weltlichen Einsiedler“ folgen anderen Motiven: Selbstversorgung, Naturverbundenheit, Aussteigertum oder schlichte Weltmüdigkeit. Sie haben keine kirchenrechtliche Anerkennung, folgen aber einer ähnlichen inneren Logik: Stille, Einfachheit und Distanz zur modernen Konsumgesellschaft.
Bekannte Einsiedler in der Geschichte
Die Geschichte kennt zahlreiche berühmte Einsiedler, deren Lebensgeschichten bis heute faszinieren und inspirieren:
- Antonius der Große (251-356): Gilt als Vater des christlichen Mönchtums. Er zog sich als junger Mann in die ägyptische Wüste zurück und lebte dort jahrzehntelang in radikaler Abgeschiedenheit.
- Paulus der Einsiedler (228-341): Soll laut dem heiligen Hieronymus als erster christlicher Einsiedler 91 Jahre in der Wüste verbracht haben und dabei von einem Raben ernährt worden sein.
- Symeon Stylites (390-459): Lebte 37 Jahre lang auf einer erhöhten Plattform auf einer Säule in der syrischen Wüste – eine extreme Form der Askese, die viele Nachahmer fand.
- Bruder Klaus (Niklaus von Flüe) (1417-1487): Schweizer Einsiedler und Nationalheiliger der Schweiz. Er verließ mit 50 Jahren Frau und zehn Kinder, um im Ranft-Tal zu leben, und wirkte als Friedensstifter in der Eidgenossenschaft.
- Meinrad von Einsiedeln (797-861): Benediktinermönch und Einsiedler im Schwarzwald, der am Ufer des Zürichsees und später in der Einöde des Finsteren Waldes (heute Einsiedeln) lebte und dort ermordet wurde.
Häufig gestellte Fragen
Wie wird man anerkannter Einsiedler in der katholischen Kirche?
Der Weg zum anerkannten Diözesaneremiten ist lang und erfordert in der Regel mehrere Jahre nachgewiesenen eremitischen Lebens. Der Kandidat richtet einen Antrag an den zuständigen Diözesanbischof, legt eine persönliche Lebensregel vor und stellt sich einem eingehenden Prüfungsprozess. Erst wenn der Bischof überzeugt ist, dass der Kandidat die nötige geistliche Reife und innere Berufung mitbringt, spricht er die kirchenrechtliche Anerkennung nach Kanon 603 CIC aus. Der Eremit legt daraufhin die evangelischen Räte (Armut, Keuschheit, Gehorsam) in die Hände des Bischofs ab und erhält die Profess.
Dürfen Einsiedler Besuch empfangen?
Ja, Einsiedler dürfen in der Regel Besuch empfangen, sofern dies mit ihrer Lebensregel vereinbar ist. Viele Einsiedler an Wallfahrtsorten empfangen täglich Pilger und Ratsuchende und bieten spirituelle Gespräche an. Die Einsiedelei ist dabei kein öffentlicher Ort: Der Eremit entscheidet selbst, wen er empfängt und wie lange ein Gespräch dauert. Zeiten der strikten Abgeschiedenheit, etwa in der Fastenzeit, werden von Besucherkontakten freigehalten.
Verdienen Einsiedler Geld?
Einsiedler sind nach Kanon 603 selbst für ihren Lebensunterhalt verantwortlich. Viele üben eine einfache Arbeit aus – Handwerk, Gartenbau, Buchbinderei, Ikonenmalerei oder ähnliches – die mit dem kontemplativen Leben vereinbar ist. Manche Bistümer zahlen Einsiedlern an Wallfahrtsorten eine kleine Aufwandsentschädigung. Reichtum ist in dieser Lebensform strukturell nicht vorgesehen: Das Gelübde der Armut verpflichtet dazu, mit dem Nötigsten auszukommen.
Gibt es auch nicht-religiöse Einsiedler?
Ja. Im volkskundlichen Sinne wird auch jeder Mensch als Einsiedler bezeichnet, der freiwillig allein und abseits der Gesellschaft lebt, ohne religiöse Motivation. Solche weltlichen Einsiedler leben oft in abgelegenen Hütten, praktizieren Selbstversorgung und suchen die Nähe zur Natur. Sie haben keine kirchenrechtliche Anerkennung, folgen aber einer ähnlichen inneren Logik: Stille, Einfachheit und bewusste Distanz zur modernen Konsumgesellschaft.
Wie unterscheidet sich ein Einsiedler von einem Mönch?
Der wesentliche Unterschied liegt in der Gemeinschaft. Mönche (Zönobiten) leben in einem Kloster und folgen einer gemeinsamen Regel – etwa der Benediktusregel – unter der Leitung eines Abtes. Einsiedler leben allein, ohne Gemeinschaft, ohne gemeinsamen Tagesrhythmus. Der Eremit ist in seiner Lebensgestaltung auf sich selbst gestellt, was eine deutlich größere innere Reife verlangt. Nicht zufällig riet der heilige Benedikt, das eremitische Leben erst nach langer bewährter Erfahrung im Kloster zu wagen.
Warum entscheiden sich Menschen heute noch für das Einsiedlerleben?
Die Motive sind vielfältig und individuell. Viele berichten von einer inneren Berufung, die sich über Jahre hinweg unüberhörbar aufdrängt. Andere suchen nach einer konsequenteren Form der spirituellen Vertiefung jenseits des Klosterlebens. In einer Gesellschaft permanenter Erreichbarkeit, medialer Reizüberflutung und sinnloser Betriebsamkeit ist das Einsiedlerleben auch eine radikale Gegenstrategie – ein bewusst gewählter Verzicht, der paradoxerweise zu mehr innerem Reichtum und Freiheit führen kann.










